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VICUSFORSCHUNG IN NORICUM: ASTURIS-ZWENTENDORF (NIEDERÖSTERREICH)

Von allen norischen Kastellvici in Österreich war einzig jener des Kastells Asturis-Zwentendorf von keiner mittelalterlich/neuzeitlichen Bebauung betroffen. Obwohl der Nordteil des Kastells - und wohl auch des Vicus - der Erosion der Donau zum Opfer gefallen ist, dürfte sich eine ausgedehnte Vicus-Bebauung auf einer Fläche von ca. 30 ha im Osten, Süden und Westen des Kastells erhalten haben. Zwentendorf bot somit die einmalige Chance, mit einer befundschonenden geophysikalischen Prospektion die Verbauungsstruktur in ihrer Gänze bis in die Randbereiche zu erforschen und die Ergebnisse mit jenen anderer Vici, vor allem von Favianis-Mautern, wo bei neueren Grabungen erstmals großflächige Kastellvicus-Bebauungen untersucht werden konnten, zu vergleichen. Das Projekt, eine Zusammenarbeit des ÖAI (Archäologie), des Instituts für Ur- und Frühgeschichte/Luftbildarchiv (Luftbildauswertung) und Archeo Prospections® (Geophysik), gliedert sich in mehrere Stufen: In einer ersten wurde von M. Doneus eine Auswertung der Luftbilder von Zwentendorf vorgenommen, anschließend führte Archeo Prospections® geophysikalische Messungen durch. Die geophysikalischen Prospektionen 2001/02 beinhalteten Messungen mit einem Cäsium-Gradiometer-Magnetometersystem im Raster 12,5 × 50 cm, wobei eine Fläche von ca. 10 ha im Umfeld des Auxiliarkastells Zwentendorf untersucht und Detailflächen innerhalb des Kastells 2002 mit Georadar vermessen wurden.
Die Messungen ergaben, ergänzt durch die Luftbildauswertungen, einen ersten Überblick über die Gliederung und Strukturierung der Vicus-Bebauung. Von einer an der Südflanke des Kastells in ost-westlicher Richtung vorbeiführenden Straße zweigten drei Straßen nach Süden ab. Entlang dieser ließ sich, vergleichbar mit der Bebauungsstruktur im östlichen Vicus von Mautern, eine Parzellierung des Geländes in streifenförmige, ca. 10 × 50 m große Parzellen feststellen. Eine Bebauung der Parzellen dürfte beinahe ausschließlich mit Holzstrukturen erfolgt sein, in den straßennahen Bereichen waren zahlreiche, z.T. rechteckige Gruben zu erkennen; bei ihnen dürfte es sich, ebenfalls in Analogie zum Vicus von Favianis-Mautern, um Grubenhäuser handeln. Entlang der Ausfallstraße vom Lagersüdtor in das Hinterland befanden sich im Abstand von ca. 250 m vom Kastell die ersten Grabbauten.
   In der letzten Projektphase wurde in Kooperation mit dem Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien 2005 ein Keramiksurvey auf einer Fläche von 8 ha südlich des Kastells entlang der zur Limesstraße führenden Trasse durchgeführt. Die Auswertung der rund 4.000 Fundstücke lässt bedeutende Rückschlüsse auf die Nutzung von Siedlungs- und Gräberfeldarealen in der mittleren Kaiserzeit und in der Spätantike zu.
Die älteste Siedlungsperiode ist nicht vor der spätflavischen oder trajanischen Regierungszeit anzunehmen. Während der mittleren Kaiserzeit erfolgte eine Verlagerung der Aktivitätszonen innerhalb des Siedlungsareals, wobei die Fundkonzentrationen antoninischer Zeit entlang der Südstraße durch solche an der West-Ost-Straße in der severischen Periode abgelöst wurden. Kontakte insbesondere mit der pannonischen Nachbarprovinz sind für die mittlere Kaiserzeit zu belegen. Das im Vicus Favianis-Mautern dokumentierte Phänomen eines Nachlassens der Fundvorkommen in der Zeit unmittelbar nach den Markomannenkriegen ist in Asturis-Zwentendorf nicht nachzuweisen. Im späten 3. und im 4. Jh. n.Chr. erfolgte eine kleinräumigere, jedoch weiterhin intensive Nutzung des Siedlungsareals.

Bildunterschriften
Abb. 1: Die Ergebnisse der Luftbildauswertung (© M. Doneus) und der geophysikalischen Prospektionen (© Archeo Prospections ) bis 2002
Abb. 2: Detailansicht der geophysikalischen Prospektion mit archäologischer Interpretation (© Archeo Prospections)
Abb. 3: Keramiksurvey 2005 im Vicus von Zwentendorf (© ÖAI, St. Groh)

Literatur:
H. Stiglitz, Das römische Donaukastell Zwentendorf in Niederösterreich, RLÖ 26 (1975).
St. Groh, Die Vici von Mautern und Zwentendorf - ein Vergleich norischer Kastellvici, in: St. Groh - H. Sedlmayer, Forschungen im Vicus Ost von Mautern-Favianis, RLÖ 44 (2006) 174-178.

Kontakt:
Stefan Groh
Helga Sedlmayer



Juni 2007