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ST. PÖLTEN IN NIEDERÖSTERREICH - MUNICIPIUM AELIUM CETIUM

Im Rahmen des 1988 begonnenen Forschungsprojektes werden durch das ÖAI vor allem die römische Stadt Cetium, gegründet 121/122 n.Chr. von Kaiser Hadrian, und die vom Kloster St. Hippolytus ihren Ausgangspunkt nehmende mittelalterliche Stadtentwicklung erforscht. Die Arbeiten knüpfen an Forschungen von B. Saria, H. Stiglitz, H. Ubl und J.-W. Neugebauer an.
   Das Projekt wird in enger Kooperation mit der Diözese St. Pölten, dem Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten, dem Bundesdenkmalamt, dem Amt der NÖ Landesregierung, dem Institut für Numismatik der Universität Wien, der VIAS (botanische Untersuchungen), dem Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Universität Wien und dem Institut für Historische Anatomie der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt und gemeinsam vom ÖAI, der Diözese und der Stadt St. Pölten, dem Land NÖ sowie etwa zur Hälfte aus Drittmitteln (FWF, OeNB, private Sponsoren) finanziert.

Aelium Cetium

Das Verbauungsgebiet des römischen Munizipiums konnte ziemlich genau eingegrenzt und die Entwicklung der hochmittelalterlichen Stadt (Lage, Ausdehnung und teilweise sogar Straßennetz) mit ihrer Keimzelle, dem im 9. Jh. n.Chr. gegründeten Kloster St. Hippolytus, als von den Vorgaben der römischen Siedlung stark beeinflusst erklärt werden. Der Riemerplatz als Kreuzungspunkt der bis heute gültigen innerstädtischen Hauptachsen Kremser Gasse - Wiener Straße dürfte bereits der Vermessungsmittelpunkt von Cetium gewesen sein.
Das municipium Aelium Cetium dürfte auf einer Fläche von ca. 25 ha mit in ihrer Orientierung nur wenig von den Haupthimmelsrichtungen abweichenden Straßenachsen angelegt worden sein. Bei Baubeobachtungen und Notgrabungen konnten mittlerweile zehn geschotterte Straßenkörper nachgewiesen werden. Grabungen am Rathausplatz und im Bereich des ehemaligen Stiftes St. Hippolytus erbrachten jeweils den Nachweis von Handwerker- und Händlerquartieren für den West- und Ostrand der Stadt. An der südlichen Peripherie konnten ebenfalls mehrfach Reste eher bescheidener Wohnbauten festgestellt werden. Die Lage des Forums lässt sich durch frühere Inschriftenfunde (Neptunaltar eines Provinzstatthalters; Bauinschrift des Schmiedevereinshauses) im Bereich Herrenplatz-Herrengasse ungefähr lokalisieren. Südlich davon lag die area sacra mit dem Haupttempel der Stadt; hier konnte bei Grabungen 2000-2002 die Ecke einer den Platz umgebenden Hallenanlage ausgegraben werden. Von anderen infrastrukturellen Bauten ist wenig Gesichertes zu sagen. Nördlich des Forums ist eine Therme zu vermuten, da bei Ausgrabungen östlich der Kremser Gasse ein Großbau mit mindestens drei flächig beheizten Sälen angeschnitten werden konnte. Das Versammlungsgebäude eines privaten Vereins mit anschließendem kleinen Antentempel wurde südlich der Klostergasse in der ehemaligen Klostergärtnerei untersucht.
Der Einfall der Markomannen bescherte dem Munizipium eine erste flächige Brandzerstörung (Frühjahr 170?), in spätseverischer Zeit scheint es erneut zu einer Katastrophe (durch Feinde?) gekommen zu sein. Das letzte Drittel des 3. Jhs. und das beginnende 4. Jh. sind gekennzeichnet durch Reduktion in Baufläche, Architektur und Fundmaterial, erst unter der Alleinherrschaft Konstantins d. Gr. ab ca. 324 n.Chr. zeichnet sich wieder ein deutlicher Aufschwung ab. Ab dem letzten Viertel des 4. Jhs. beginnt der für ganz Ufernoricum typische und unaufhaltsame Niedergang, bis zur Mitte des 5. Jhs. wurde die Stadt anscheinend ganz aufgegeben. Von letzten Bevölkerungsresten zeugen vereinzelte Grablegen des mittleren bis späten 5. Jhs. in und bei den aufgegebenen Häusern.
Einer der Hauptfriedhöfe der Stadt entlang der Linzer Straße (Europaplatz) wurde 2005-2006 ausschnitthaft untersucht, wobei insgesamt etwa 300 Brand- und Körpergräber des 2.-5. Jhs. geborgen werden konnten. Fundamentreste bezeugen massive Grabbauten in Form von aediculae und tumuli entlang der Straße.

St. Pölten, Klosterbau und Stadtentwicklung

Die Völkerwanderungszeit und das Frühmittelalter haben kaum Spuren im Gebiet der römischen Stadt hinterlassen. Das wahrscheinlich kurz vor 800 nach den Awarenfeldzügen Karls d. Gr. angelegte Kloster St. Hippolytus (St. Pölten) ist archäologisch noch nicht nachgewiesen. Erst die Neubesiedlung nach der Vertreibung der Ungarn wird dokumentierbar.
Ausgrabungen haben wesentliche Teile des romanischen und gotischen Klosterbaus, die passauisch bischöfliche Maximilianskapelle (unter dem Chor der Franziskanerkirche) und Teile der 1133 geweihten, im 15. Jh. als gotischer Bau neuerrichteten und 1690 abgetragenen Pfarrkirche auf dem Domplatz freigelegt. Darüber hinaus gelang die Auffindung und Untersuchung der - 1568 abgetragenen und mittlerweile völlig der Vergessenheit anheimgefallenen - Markthalle auf dem ehemaligen Breiten Markt (heute Rathausplatz). Der dreischiffige, 30 m lange, spätmittelalterliche Steinbau ist der bisher einzig dokumentierte seiner Art auf österreichischem Boden. Die Halle war über einem kleineren Vorgänger, einem Holzpfostenbau, errichtet worden. Die Ausgrabungen haben darüber hinaus Teile der in der napoleonischen Zeit abgetragenen Stadtbefestigung (Ledererturm) erfasst und Erkenntnisse zum handwerklichen Leben der Stadt im Mittelalter und der frühen Neuzeit, besonders der Hafnerei und dem Keramikrepertoire, erbracht.

Bildunterschriften
Abb. 1: St. Pölten, historischer Stadtkern mit rekonstruiertem Straßennetz der römischen Stadt Aelium Cetium (blau)
Abb. 2: St. Pölten, Rathausplatz
Abb. 3: St. Pölten, Rathausplatz. Rekonstruktionsvorschlag der zweischiffigen hölzernen Markthalle

Literatur:
P. Scherrer (Hrsg.), Landeshauptstadt St. Pölten - Archäologische Bausteine I, SoSchrÖAI 22 (1991).
P. Scherrer (Hrsg.), Landeshauptstadt St. Pölten - Archäologische Bausteine II, SoSchrÖAI 23 (1994).
S. Jilek - P. Scherrer - E. Trinkl, Leben in Aelium Cetium. Wohnen und Arbeiten im römischen St. Pölten. Katalog zur Ausstellung 21. April bis 20. Mai 2005 Ausstellungsraum der NÖ Landesbibliothek St. Pölten (Sonder- und Wechselausstellungen der Niederösterreichischen Landesbibliothek 26, 2005).
R. Risy - P. Scherrer, Municpium Aelium Cetium - Landeshauptstadt St. Pölten. Archäologische Grabungen und Forschungen 1999-2005. HIPPOLYTUS. Neue Folge St. Pöltner Hefte zur Diözesankunde 5. Beih. (2005).

Bibliographie zu St. Pölten (pdf-file)

Kontakt:
Ronald Risy


Dezember 2008