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VICUSFORSCHUNG IN NORICUM: COLATIO-STARI TRG, ALTENMARKT BEI SLOVENJ GRADEC-WINDISCHGRÄTZ (SLOWENIEN)
Im Jahr 2005 führte das ÖAI in Kooperation mit dem Koroški pokrajinski muzej in Slovenj Gradec und Archeo Prospections® neue Forschungen in Colatio durch. Colatio liegt, den Angaben der Tabula Peutingeriana folgend, an der unter Kaiser Claudius angelegten Straße zwischen der Provinzhauptstadt Virunum (A) und dem Municipium Celeia-Celje (Sl) in Südostnoricum. Dieser bedeutende Fundort in der heutigen slowenischen Region Koroška wurde von H. Winkler entdeckt und von R. Egger 1914 erstmals vorgestellt. Man untersuchte in den Jahren 1909-1912 einen norischen Umgangstempel, mehrere Wohngebäude von der Mitte des 1. bis zum Beginn des 5. Jhs. n.Chr. und Teile eines frühkaiserzeitlichen Gräberfelds. Der Tempel und die bislang untersuchten Gebäude flankieren den Verlauf der Römerstraße. Der Vicus von Colatio entspricht dem Typ eines Straßendorfs mit Häusern, die den in ländlichen Siedlungen von Noricum präsenten, traditionell keltischen Bautyp des Einraumhauses mit Umgang reflektieren.
Während Tempel und Siedlung an einer in annähernd nord-südlicher Richtung auf der Kante einer Flussterrasse verlaufenden Straße liegen, bezeugt die Südnekropole eine Ausrichtung in ost-westlicher Richtung; sie folgt damit dem Verlauf der Straße von Virunum nach Celeia. Unter den Gräbern der Südnekropole ragt hinsichtlich Architektur und Beigaben der 1911 erforschte Grabbau I heraus, in dem einer Inschrift zufolge wahrscheinlich ein hoher Beamter aus Celeia begraben war.
Im Zuge der Forschungskooperation führte Archeo Prospections® geophysikalische Messungen mit Radar und Magnetik in der Südnekropole des Vicus durch; die Messungen erlauben neue Aussagen zur Ausgestaltung dieses Gräberfelds. Der Forschungsschwerpunkt liegt in der Präsentation des gesamten Grabinventars des monumentalen Grabbaus I mit rechteckiger Umfassungsmauer. Die prominente Position dieses Grabbaus respektive seines/-r Grabinhaber/-s spiegelt sich im Bestattungsritus und den Beigaben wider. Anhand der zuordenbaren Fundstücke kann auf die Bestattung von drei Individuen geschlossen werden, wobei eines nach italischem Vorbild auf einem mit Beinschnitzereien prachtvoll verzierten Totenbett aufgebahrt und danach mit nicht mehr identifizierbaren Beigaben in einer ustrina kremiert und im kleineren Raum des Grabbaus bestattet worden war. Ein Inschriftenfragment aus dem Hofbereich weist den Inhaber wahrscheinlich als Angehörigen der 'städtischen Oberschicht' bzw. des ordo decurionum von Celeia aus. Die Monumentalisierung des Grabes mithilfe mediterraner Architektur und die Beigabe persönlicher, traditioneller Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs scheinen eine Folge der Akkulturation unter Bewahrung eigener norisch-keltischer Traditionen gewesen zu sein.
Der Grabbau I stellt samt seinem Inventar den bislang wichtigsten Beweis für die frühe Romanisierung der Bevölkerung des Vicus von Colatio dar und gewährt, zusammen mit Beinschnitzereien einer Kline aus Baldersdorf in Oberkärnten, Einblick in die aufwendigen Bestattungspraktiken der 2. Hälfte des 1. Jhs. n.Chr. in Noricum. Im Zuge des Forschungsprojekts erfolgt eine Bearbeitung der im Museum der Stadt Villach verwahrten Beinschnitzereien der 1939 gefundenen Kline aus der Nekropole von Baldersdorf. Ihre Grabbauten und jene aus Colatio besitzen ähnliche Grundrisse und vergleichbare Größen, die Beigaben lassen jeweils starke norische Komponenten erkennen. Beinschnitzereien von Klinen sind lediglich für 27 Fundplätze in den Nordwestprovinzen des Römischen Reichs belegt, außerhalb Galliens finden sich Klinen in nur zehn weiteren Fundorten, von denen zwei im südlichen Noricum liegen. Dies unterstreicht die Bedeutung der an Bodenschätzen reichen Provinz und die dadurch evozierte frühe Herausbildung einer auf norisch-keltischen Wurzeln fußenden Nobilität.
Bildunterschrift
Abb. 1: Blick von Südosten auf Stari trg (© ÖAI, St. Groh)
Abb. 2: Plan der Siedlung und des Gräberfeldes von Stari trg (nach: S. Djura Jelenko, H. Winkler in: njegov prispevek k arheologiji Mislinjske doline, Koroški pokrajinski muzej Slovenj Gradec [Slovenj Gradec 2004]).
Abb. 3: Geophysikalische Prospektion 2005 in der Südnekropole von Stari trg (© ÖAI, St. Groh)
Literatur:
R. Egger, Ausgrabungen in Norikum 1912/13, ÖJh 17, 1914, Beibl. 59-86.
St. Groh, Beinerne Möbelbeschläge aus Flavia Solva, FÖ 31, 1992, 51-58.
S. Djura Jelenko - H. Winkler in: njegov prispevek k arheologiji Mislinjske doline, Koroški pokrajinski muzej Slovenj Gradec (Slovenj Gradec 2004).
St. Groh - S. Djura Jelenko, Ein frühkaiserzeitlicher Grabbau in der Südnekropole des norischen Vicus von Colatio, Slowenien, AKorrbl 36, 2006, 405-422.
Kontakt:
Stefan Groh
Helga Sedlmayer
Saša Djura Jelenko
Juni 2007
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