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GEOPHYSIKALISCHE MESSUNGEN IM MUNICIPIUM FLAVIA SOLVA/STEIERMARK
Interpretation und archäologisch-historische Auswertung

Im Nordostteil des südnorischen Municipium Flavia Solva wurden im Jahr 2000 im Auftrag der Gemeinde Wagna von Archeo Prospections® 3 ha Stadtareal mit Georadar prospektiert. Die Interpretation und archäologisch-historische Auswertung dieser großen Menge qualitativ hochwertiger Meßdaten steht im Mittelpunkt dieses Projekts, das jedoch in seiner Endphase das gesamte, noch nicht verbaute Gebiet einer römerzeitlichen Stadt in Noricum umfassen soll.
   Flavia Solva wurde unter Kaiser Vespasian (69-79 n.Chr.) das Stadtrecht verliehen, aus dieser Zeit stammt auch der für neugegründete römische Städte typische schachbrettartige Straßenraster. Es bestand jedoch bereits vor der 'Neuanlage' dieses Straßenrasters eine einfache Vorgängersiedlung im Bereich eines Nebenarms der Mur, deren Beginn man in die ersten Jahrzehnte n.Chr. setzen kann. Die Stadt expandierte im fortgeschrittenen 1. und 2. Jh. n.Chr. nach Norden, Süden und vor allem nach Westen, wo die Siedlung bereits bald bis an die ältesten Gräber der Nekropolen reichte. In seiner größten Ausdehnung besaß das Municipium eine Fläche von ca. 650 × 600 m bzw. 39 ha. Brandschichten der 70er Jahre des 2. Jhs. n.Chr. könnten mit einer zumindest teilweisen Zerstörung der Stadt zur Zeit der Markomannenkriege in Zusammenhang gebracht werden, im 3. und 4. Jh. n.Chr. prosperierte das Gemeinwesen, ein Ende der Siedlungstätigkeit kann, nach derzeitigem Wissen, gegen Ende des 4. Jhs. bzw. an den Anfang des 5. Jhs. n.Chr. gesetzt werden.

   Vor Beginn der Prospektionen waren in Flavia Solva 41 Gebäudekomplexe (Insulae) bekannt, von denen jedoch nur wenige mit modernen Methoden untersucht worden waren; die meisten Gebäude hatte W. Schmid in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhs. nur oberflächig entlang der Außenmauern freigelegt. Zuverlässige Aussagen über die Datierung einzelner Häuser oder gar ganzer Gebäudekomplexe sind daher in Flavia Solva, mit wenigen Ausnahmen, nicht vorzunehmen, noch waren bis dato die Lage des lang gesuchten Forums und detaillierte Aussagen über die Verbauungsmuster der Stadt möglich.
   Die Ergebnisse der neuen Messungen sind für die Stadtgeschichte von großer Bedeutung: erstmals konnten die Bebauungsgrenzen im Nordosten der Stadt definiert und zahlreiche Einzelgebäude hinsichtlich ihres Bautyps untersucht werden. Am Ostrand der Meßflächen, entlang der Mur, dürfte sich ein Flußhafen befunden haben, von dem mehrere Speicherbauten erhalten geblieben sind. Die Parzellierung zahlreicher Gebäudekomplexe ließ sich eindeutig nachweisen, zusätzlich wurden Teile 'neuer' Gebäude sowie eine 'neue' Insula (XLII) untersucht.

   Die Lokalisierung des nun seit über hundert Jahren gesuchten Forums dürfte mit einer 45 x 60 m bzw. 2700 m² großen, von Portiken gesäumten Platzanlage im Bereich der Insula XXVI und einer durch eine Schotterstraße verbundenen Basilika im Bereich der Insula XXV als gesichert gelten. Die Anlage orientierte sich in ihrer Grundkonzeption an Fora in Britannien, wo sich vor allem Caerwent und Wroxeter hinsichtlich des Bautyps und der Gesamtanlage gut vergleichen lassen. Unmittelbar westlich an die Platzanlage schloß ein 900 m² großes repräsentatives Peristylhaus an, das durch einen Zugang ebenfalls mit den Hallen des Platzes verbunden war.
   Neue Erkenntnisse brachten die Messungen in der Insula XXVII-Nord, in der bereits unter W. Modrijan 1960 und E. Hudeczek 1972 Grabungen stattgefunden haben. Die Messungen erlaubten es nun, deren Resultate aus Teilbereichen des 73 × 53 bzw. 3580 m² großen Baukomplexes in die Interpretation einfließen zu lassen und auch einige chronologische Anhaltspunkte für die Baugeschichte zu erlangen. Die Insula XXVII-Nord ist in ihrem Grundriß als großzügig dimensionierte, suburbane Peristylvilla am nördlichen Stadtrand von Flavia Solva anzusprechen, deren Ausgestaltung gut mit mediterranen Villenanlagen zu vergleichen ist. Anhand charakteristischen Fundmaterials aus dem Ostteil der Anlage und der dem Peristyl im Norden vorgelagerten doppelapsidialen Portikus kann der Fortbestand der Villa bis in die 2. Hälfte des 4. Jhs. n.Chr. datiert werden, schräg zum Straßenraster verlaufende Mauern über der bereits aufgegeben Villa bezeugen eine Nachnutzung des Areals.
   Die Messungen mit Georadar sollen in den nächsten Jahren durch magnetische Prospektionen ergänzt auf das übrige Stadtgebiet ausgedehnt und publiziert werden, um sowohl für zukünftige Belange des Denkmalschutzes als auch für gezielte Forschungsvorhaben eine solide Basis zu schaffen.

Literatur:
E. Hudeczek, Flavia Solva. Sprechende Steine 3, Sondernr. (1989).
St. Groh, Die Insula XLI von Flavia Solva. Ergebnisse der Grabungen 1959 und 1989 bis 1992, SoSchrÖAI 28 (1996).
St. Groh - W. Neubauer - A. Eder-Hinterleitner, A Resistivity Survey to Locate the Forum of the Roman Town Flavia Solva (Austria), in: J. W. E. Fassbinder - W. E. Irlinger (Hrsg.), Archaeological Prospection. Third International Conference on Archaeological Prospection, Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 108, 1999, 38f.
St. Groh - W. Neubauer - A. Eder-Hinterleitner, Ergebnisse der ersten archäologisch-geophysikalischen Prospektion im Stadtgebiet von Flavia Solva, Steiermark, ArchA 82/83, 1998/99, 27-38.
W. Neubauer, Magnetische Prospektion in der Archäologie, MPK 44 (2001).
St. Groh - W. Neubauer - S. Seren - A. Eder-Hinterleitner - K. Löcker, Geophysikalische Messungen im nördlichen Stadtteil von Flavia Solva: Interpretation und archäologisch-historische Auswertung, ÖJh 72, 2002 (in Druck).

Kontakt:
Stefan Groh
Mitarbeiter:
Archeo Prospections®: W. Neubauer, S. Seren, K. Löcker, A. Eder-Hinterleitner, K. Löcker (Geophysik)



Okt. 2002