Home
Organisation
Projekte in Noricum &
Pannonien
Asturis-Zwentendorf
Bruckneudorf
Burgstall
Carnuntum
Colatio-Stari Trg
Favianis-Mautern
Frauenberg
Magdalensberg
Saaz
Wissenschaftsgeschichte
Projekte im Mittelmeerraum
Publikationen
Oeffentlichkeit
|
VICUSFORSCHUNG IN NORICUM: FAVIANIS-MAUTERN (NIEDERÖSTERREICH)
Die Forschungstätigkeit des Österreichischen Archäologischen Instituts in Mautern an der Donau blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit den 50er Jahren des 20. Jhs. lag einer der Schwerpunkte des Instituts in der Erforschung des römischen Auxiliarkastells Favianis und dessen umliegenden Vicus. Der Ort war als Kastell ab dem ausgehenden 1. Jh. n.Chr. bis in die Spätantike besetzt. Für die Frühzeit des Lagers ist die Stationierung der cohors II Batavorum wahrscheinlich, nach 140 n.Chr. dürfte sie durch die cohors I Aelia Brittonum milliaria ersetzt worden sein. In der Spätzeit ist die Belegung mit Teilen der legio I Noricorum überliefert. Favianis erlangte vor allem in der Spätantike durch die Anwesenheit des hl. Severin für die romanisierte Bevölkerung große Bedeutung. Bis heute konnten wichtige Bestandteile des Militärlagers (Wachttürme, Teile der Kastellmauern und der Innenbauten), größere Flächen des das Kastell umgebenden Vicus sowie weite Teile der spätantiken Nekropolen untersucht werden.
Erstmals in der Forschungsgeschichte des römischen Mautern bot sich 1996 die Möglichkeit, Ausgrabungen im Inneren des Kastells durchzuführen (Frauenhofgasse, Melkerstraße). Ziel dieser Untersuchungen war die Klärung der bis dahin kontrovers diskutierten Kastellgeschichte und Periodisierung der einzelnen Kastellphasen.
Aufgrund der relativ ungestörten Befundlage konnten sieben antike bzw. spätantike Horizonte (Perioden 1-7, 1.-5. Jh. n.Chr.) und ein frühmittelalterlicher Siedlungsbefund (Periode 8, Mitte 8.-10. Jh.) differenziert werden.
1997-1999 konzentrierte sich die Grabungstätigkeit auf die Untersuchung einer 7.000 m² großen Fläche im östlichen Teil und eine kleinere Grabung im südlichen Teil des Kastellvicus. Im Umland des Kastells errichtete man eine ca. 20 ha große Siedlung, die von den die Einheiten begleitenden Handwerkern, Händlern, Kauf- und Wirtsleuten sowie deren Familienangehörigen bewohnt war.
Bei einer Grabung im Vicus Süd ließ sich 1998 eine planimetrische Bebauung mit Holzhäusern (Erdkeller, Balkengräbchen, Pfostengruben) feststellen, die in ihrer Struktur den Befunden im Vicus Ost von Mautern vergleichbar ist. Die Schichtenabfolge und das Fundmaterial aus dieser Grabung datieren vom ausgehenden 1. Jh. n.Chr. bis in die Spätantike.
Bei den großflächigen Grabungen im Vicus Ost konnte eine sehr komplexe mehrphasige Bebauung in zehn streifenförmigen Parzellen untersucht werden. Das Gelände wurde zu Beginn der Bebauung streifenförmig parzelliert (ca. 10 x 40 m); in diesen Parzellen errichtete man Holzständer- und Schwellbalkenkonstruktionen sowie Grubenhäuser, letztere jeweils auf einer Fläche von ca. 12 m² rechteckig eingetieft und mit einer Doppelpfostenstellung für die Dachkonstruktion versehen. Innerhalb einer Parzelle waren bis zu sechs einzelne Grubenhäuser festzustellen.
Im Rahmen des FWF-Projekts P 13689-SPR wurde in den Jahren 2000-2002 die kontextbezogene Auswertung von 20.000 antiken Funden aus 600 archäologischen Befundobjekten des Vicus Ost vorgenommen. Diese Analyse erbrachte eine Periodisierung der Siedlungsentwicklung vom letzten Drittel des 1. Jhs. n.Chr. bis zum 4. Jh. n.Chr., die weitestgehend mit den Abläufen im Kastell parallelisierbar ist. Von besonderem Interesse für die Charakterisierung dieses östlichen Abschnitts des Kastellvicus sind die umfangreichen archäologischen Quellen zur ökonomischen Grundlage der Siedlung: Lässt sich für die frühe Siedlungsentwicklung aufgrund des Fundmaterials (Schmiedeschlacken, Ofendüsen) extensive Eisenverarbeitung indirekt in weiten Bereichen der Streifenparzellen nachweisen, ergibt sich für die mittleren Jahrzehnte des 2. Jhs. n.Chr. eine gänzliche Neuorientierung in der Bewirtschaftung zweier Parzellen durch die Befunde von vier Töpferöfen und die hohe Zahl von verworfenen Fehl- und Fertigprodukten. Die jüngste Phase des Vicus führt zu einer umfassenden Umstrukturierung des Siedlungsgefüges, ohne dass die archäologischen Befunde und Funde einen direkten Hinweis auf den wirtschaftlichen Hintergrund dieser Entwicklung geben.
Die großflächigen Rettungsgrabungen des ÖAI im Kastellvicus Ost von Mautern führten 1998 zu einer Umstellung der konventionellen archäologischen Dokumentation auf eine digitale Feldaufnahme. Die Ziele der neuen Dokumentationsmethode lagen primär in einer effizienten Feldaufnahme und der damit verbundenen Zeitersparnis während der Grabung. Das Anforderungsprofil an das neue Messsystem war: volldigitale Aufnahme im Feld in Echtzeit, On-line-Datenvisualisierung mit einer Standardsoftware (kompatibel mit AutoCAD), Kombinationsmöglichkeiten mit photogrammetrischen Anwendungen und leichte Erlernbarkeit.
Zur Anwendung gelangten das Programm LisCAD (Version 4.1) der Firma Leica zusammen mit einer Totalstation (TC605L) und einem handelsüblichen Notebook. Der mit dem Notebook via Kabel verbundene Tachymat diente als Eingabegerät für die CAD-Zeichnungen. Der dokumentierende Archäologe konnte die Daten am Bildschirm jederzeit kontrollieren und editieren. Die im Feld aufgenommenen strukturierten Daten ermöglichten in der weiteren Bearbeitung eine rasche Generierung zu Übersichts- und Detailplänen sowie eine dreidimensionale Visualisierung der Grabungsbefunde. Die layerstrukturierte Datenaufnahme wurde bereits im Feld mit einer 'Harris-Matrix' kombiniert (ArchEd, Version 1.0), womit eine solide Grundlage für eine rasche kontextuelle Befundbearbeitung auf Basis eines Geoinformationssystems (GIS) gegeben war.
Bildunterschriften
Abb. 1: Übersichtskarte Mautern/Favianis
Abb. 2: Grabung 1996 im Kastell, Mannschaftsbaracken in Bauperiode 3 (ca. 170/80-250/60 n. Chr.) (Mautern 4/96, 30)
Abb. 3: Die Grabungen 1997-1999 im Kastellvicus Ost von Mautern (Mautern 9/98, 29)
Abb. 4: Töpferofen im Vicus Ost von Mautern-Favianis (© ÖAI, St. Groh)
Abb. 5: Keramik und Fehlbrände aus dem Vicus Ost von Mautern-Favianis (© ÖAI, St. Groh)
Literatur:
St. Groh - H. Sedlmayer, Forschungen im Kastell Mautern-Favianis. Die Grabungen der Jahre 1996 und 1997, RLÖ 42 (2002).
St. Groh (Hrsg.), Die Grabungen 1998 im Kastellvicus Süd von Mautern an der Donau/Favianis, 1. ErghÖJh (2001).
St. Groh - H. Sedlmayer, Forschungen im Vicus Ost von Mautern-Favianis. Die Grabungen der Jahre 1997-1999, RLÖ 44 (2006).
Kontakt:
Stefan Groh
Helga Sedlmayer
Juni 2007
|