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FORSCHUNG ZU KELTISCH-RÖMISCHEN KULTURKONTAKTEN: FRAUENBERG BEI LEIBNITZ (STEIERMARK)
Erste archäologische Grabungen auf dem Plateau des Frauenbergs wurden in den Jahren 1951-1952 unternommen und hatten die Untersuchung des römischen Tempelbezirks mit seinem Podiumstempel zum Inhalt. Mit der geophysikalischen Prospektion des Jahres 2000 und den Grabungen 2002-2004 des ÖAI wurde das Areal westlich des Podiumstempels auf der Bergkuppe erforscht. Der Frauenberg ist mit kupferzeitlichen Siedlungsspuren einer der bedeutendsten prähistorischen Fundplätze Österreichs, ab der ausgehenden Urnenfelderzeit und in der älteren Eisenzeit kann auf eine ausgedehnte Höhensiedlung geschlossen werden. Die ältesten im Grabungsareal der Jahre 2002-2004 dokumentierten Siedlungsbefunde datieren in die frühe Hallstattkultur (Hallstatt C2).
Im 2. vorchristlichen Jahrhundert erstreckte sich über den Höhenzug ein ausgedehnter, zumindest in der Spätlatènezeit mit einem Wall befestigter Zentralort mit eigenständiger Münzprägung. Dem 2. Jh. v.Chr. gehören die Befunde einfacher Gebäude mit Metall verarbeitender Werkstätte (Grabungsareal 2002-2004) an. Die Siedlung besitzt zwei Kultplätze, und zwar den Kultplatz Perl-/Stadläcker auf einem trapezförmigen Geländesporn südöstlich des Höhenzugs und den durch das ÖÄI untersuchten Kultplatz auf der Kuppe des Frauenbergs.
Der Kultplatz auf der Bergkuppe wurde nach einer tiefgreifenden Umgestaltung des Siedlungsplatzes eingerichtet. Neben dem überdachten Kultbau 1 (zirkulare Pfostenstellung) und einer Grubenhütte erstrecken sich Pfostenstellungen und Rechteckgruben in einem zumindest 234 m² großen Bezirk, der mit Kultplätzen in Manching und Gournay-sur-Aronde verglichen werden kann. Die Befunde und Funde deuten auf das Abhalten von Kultmahlzeiten und die Deponierung von intentional zerschlagenem Geschirr, vornehmlich Weinamphoren, hin.
In augusteisch-frühtiberischer Zeit ersetzte man den Kultbau 1 durch einen deutlich kleineren Rundbau. Dieser wird bald nach seiner Errichtung aufgegeben und von einem längs-ovalen Bau mit zentraler Grube abgelöst (Kultbau 3). Der Ovalbau weist starke Affinitäten zu den gallischen Kultbauten von Acy-Romance (Tempel I-III), Bazoches und Bucy-le-Long auf. Eine Kontinuität in den Kultpraktiken bezeugen die Deponierung von Quarzgeröllen sowie von Tonscheiben/Wirtel und die Verwendung von Trinkgefäßen italischen Imports, deren Vorkommen mit Funden der älteren Periode des Heiligtums korrelieren.
In der mittel- bis spättiberischen Periode des Kultplatzes sind regressive Tendenzen festzustellen, man verzichtet auf einen größeren, überdachten Kultbau zugunsten einzelner Pfosten und Gruben. Das fast völlige Fehlen der in den Vorläuferperioden stark präsenten Trinkgefäße und der Quarzgeröll-Deponierungen sowie das nunmehr zu beobachtende vermehrte Vorkommen von Kochgeschirr indiziert eine Änderung in den Kultpraktiken.
In claudisch-neronischer Zeit erfolgte erstmals die Errichtung eines Rechteckbaus in Steinmauerwerk. Die Errichtung des Vorläufers zum flavischen Umgangstempel fällt in die Phase der Provinzialisierung um die Jahrhundertmitte. Die Verwendung von Steinmauerwerk in einer noch immer von Holzbauten geprägten Zeit ist bemerkenswert und unterstreicht die zentralörtliche Funktion des Frauenbergs. Der Grundriss des Kultbaus entspricht dem eines leicht trapezförmigen Rechtecks von 65 m² Grundfläche. Um die Cella befinden sich zahlreiche Feuerstellen, deren oftmalige Aufplanierung auf eine hohe Frequenz von Kulthandlungen schließen lässt. Die Anlage dieser Feuerstellen um die Cella schließt die Existenz eines (überdachten) Umgangs aus, die Situation ist vergleichbar mit jener der gallischen Kultplätze von Bennecourt und von Gournay-sur-Aronde, wo ein Ovalbau im 1. Jh. v.Chr. zu einem Rechteckbau umgestaltet wird, den man in weiterer Folge mit einem Umgang versieht. Der hohe Anteil der Trinkgefäße lässt auf den Umtrunk als spezifisches Element der Kulthandlungen schließen. Als Restbestände der durch die Offranten niedergelegten Weihungen können zudem Münzen und Teile der Tracht interpretiert werden. Eine solche Deponierungspraktik mit Pars-pro-Toto-Elementen ist als übliches Phänomen in den gallischen Kultplätzen von Fesques, Bennecourt, Argenton-sur-Creuse, Gué-de-Sciaux, Bolards und Martigny zu erfassen. Mit dem Fund medizinischer Geräte sind Indizien für die in heiligen Bezirken nicht unüblichen ärztlichen Tätigkeiten vorhanden.
In flavischer Zeit erfolgt der Umbau der bis dahin singulären Cella zu einem Umgangstempel (Kultbau 5). Die Abmessungen des äußeren Mauerrechtecks bzw. Umgangs betragen 24,3 × 22,7 m, die Grundfläche der Cella ist mit dem Verhältnis 1:8,5 zur Gesamtfläche des Tempels relativ gering. Überproportional weite Umgänge liegen bei mehreren Umgangstempeln wie beispielsweise beim Doppeltempel von Naves vor.
In trajanischer Zeit wird der Kultplatz mit einer Temenosmauer umgeben und zu einem Tempelbezirk römischer Prägung ausgestaltet. Mit dem Bau eines römischen Podiumstempels ist ein deutliches Abrücken von den keltischen Traditionen gegeben, zugleich spricht jedoch die Tabuisierung des keltischen Kultplatzes bis zur Ablöse des klassischen Podiumstempels durch einen frühchristlichen Kirchenbau im 4. nachchristlichen Jahrhundert für eine weiterhin traditionell konservativ geprägte Gesellschaft. Dieser Periode gehört eine mehrräumige, beheizte, profane Anlage an, bei deren Errichtung die Fundamentmauern des Umgangstempels genutzt werden.
Bildunterschriften
Abb. 1: Grabung 2004 im Tempelbezirk am Frauenberg (© ÖAI, St. Groh)
Abb. 2: 3-D-Rekonstruktion des Kultbaus 1 am Frauenberg (© ÖAI, St. Groh)
Abb. 3: Blick auf den Tempelbezirk am Frauenberg (© ÖAI, St. Groh)
Literatur:
St. Groh - H. Sedlmayer, Der norisch-römische Kultplatz am Frauenberg (Österreich), Protohistoire Européenne 9 (2005).
St. Groh - H. Sedlmayer (Hrsg.), Blut und Wein. Keltisch-römische Kultpraktiken. Akten des vom Österreichischen Archäologischen Institut und vom Archäologischen Verein Flavia Solva veranstalteten Kolloquiums am Frauenberg bei Leibnitz (Österreich), Mai 2006, Protohistoire Européenne 10 (2007).
St. Groh - H. Sedlmayer, Späteisenzeitliche und frührömische Kulte auf dem Frauenberg bei Leibnitz, in: F. W. Leitner (Hrsg.), Götterwelten. Tempel, Riten, Religionen in Noricum, Katalog Landesmuseum Kärnten (Klagenfurt 2007) 35-38.
Kontakt:
Stefan Groh
Helga Sedlmayer
Juni 2007
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