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PROVINZIALRÖMISCHE ARCHÄOLOGIE IN ÖSTERREICH 1918-1945
Institutionen - Personen - Grabungsplätze - Forschungsschwerpunkte
Im August 2008 wurde am ÖAI mit der Arbeit an einem vom FWF geförderten Projekt zur Erforschung der provinzialrömischen Archäologie in Österreich während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begonnen (Projektnummer P20877-G02). Ziel des Projekts ist es, die archäologische Forschung anhand der agierenden Personen und Institutionen, der Grabungsplätze und Forschungsschwerpunkte im politischen und ideologischen Kontext zu untersuchen und in einer umfassenden Dokumentation darzustellen. Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Politik und ihre Auswirkungen sollen deutlich gemacht werden. Bei der Behandlung dieser Themen, die in der Klassischen und provinzialrömischen Archäologie noch ein Desiderat der Wissenschaftsgeschichte sind, soll auch die spezifisch österreichische Situation mit der zu Deutschland unterschiedlichen Forschungstradition berücksichtigt werden: Die provinzialrömische Archäologie war in Österreich immer Teil der Klassischen Archäologie.
Der in dem Projekt zu untersuchende Zeitrahmen erstreckt sich vom Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie über die Erste Republik, Ständestaat und NS-Zeit bis zur Errichtung der Zweiten Republik 1945.
Als Quellen werden sowohl die zeitgenössische Literatur als auch Archivmaterial herangezogen, Recherchen in verschiedenen Archiven sind daher ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Einen wichtigen Grundstock bildet der Altakten-Bestand im Archiv des ÖAI.
An archäologisch tätigen Institutionen sollen nicht nur universitäre und andere wissenschaftliche Institute betrachtet, sondern es soll auch die Tätigkeit von Museen und Vereinen berücksichtigt werden. Die archäologische Forschung wurde nicht nur von den an Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten tätigen Wissenschaftler(innen) mitbestimmt, sondern auch von Laienforscher(innen).

Neben der katalogartig aufgebauten Dokumentation zu den vier inhaltlichen Bereichen sind auch Detailuntersuchungen zu bestimmten Themen geplant. Die Arbeit orientiert sich u.a. an folgenden Fragestellungen:
- Welche Schwerpunkte wurden in der Forschung inhaltlich und geographisch gesetzt, inwiefern beeinflussten die Umbruchszeit 1918, die Ideologie des Ständestaates und die Rassentheorie der NS-Zeit die Forschung? Welche Projekte wurden initiiert und/oder umgesetzt - und wie sind diese im Zusammenhang mit der Zeit zu sehen?
- Ausgrabungen mit politischer Intention waren beispielsweise die "Führergrabung" Carnuntum und die Untersuchung der Karnburg in Kärnten 1939. Lässt sich auch in anderen Grabungen der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre ein Einfluss der jeweiligen Ideologie in der Wahl der Schwerpunkte oder in der Interpretation der Befunde feststellen?
- Wurden Kelten, Römer, Germanen mit bestimmten Konnotationen versehen?
- Wie ist die Rolle der handelnden Personen zu sehen? Inwiefern beeinflussten ihre Nähe oder Distanz zum herrschenden System die Forschung? Inwieweit versuchten sich die in der Wissenschaft Verantwortlichen der Zeit anzupassen und ließen sich instrumentalisieren bzw. gab es auch seitens der Wissenschaft den Versuch, die Politik für ihre Zwecke zu gebrauchen (als "Ressourcen für einander")?
- Welches Ausmaß nahm die Ausschaltung "nicht-arischer" Forscher(innen) an und wie wirkt sich dies auf die Wissenschaft aus?
- Welchen Einfluss hatten die im Dritten Reich auf dem Gebiet der Kulturpolitik - auch auf archäologischem Gebiet - rivalisierenden Einrichtungen "Amt Rosenberg" und "Ahnenerbe" der SS auf die archäologische Forschung in Österreich?
Bildunterschriften
Abb. 1: Sopron/Ödenburg 1935. Aufnahme der Bruchstücke der Kapitolinischen Trias unter der Leitung von Camillo Praschniker durch Hedwig Kenner (vorne sitzend), Juliane Spitzer, Anton Raubitschek und Hans Deringer (Foto im Archiv ÖAI, Nachlass Praschniker)
Abb. 2: Rudolf Egger und Gerhard Bersu auf dem Duel, Kohlezeichnung im Besitz der Enkelin von R. Egger, Frau Mag. Ute Walter (mit freundlicher Erlaubnis U. Walter; Künstler: MK; Fotograf: H. Böhm). Die Grabungen auf dem Duel fanden von 1928 bis 1931 als österreichisch-deutsche Gemeinschaftsgrabung zwischen dem ÖAI und der RGK statt.
Literatur (Auswahl):
V. Losemann, Nationalsozialismus und Antike. Studien zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933-1945, Historische Perspektiven 7 (Hamburg 1977).
M. A. Niegl, Die archäologische Erforschung der Römerzeit in Österreich. Eine wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung, DenkschrWien 141 (Wien 1980).
E. Rudolf, Pompeji vor den Toren Wiens. Die "Führergrabung" von Carnuntum 1938/40, Hephaistos 13, 1995, 203-220.
O. H. Urban, "Er war der Mann zwischen den Fronten". Oswald Menghin und das Urgeschichtliche Institut der Universität Wien während der Nazizeit, ArchA 80, 1996 (1997) 1-24.
B. Näf (Hrsg., mit T. Kammusch), Antike und Altertumswissenschaft in der Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus, Kolloquium Zürich 14.-16. Oktober 1998 (Mandelbachtal - Cambridge 2001).
A. Leube (Hrsg., mit M. Hegewisch), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945, Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 2 (Heidelberg 2002).
M. Maischberger, German archaeology during the Third Reich, 1933-45: a case study based on archival evidence, Antiquity 76, 2002, 209-218.
U. Halle, "Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!" Prähistorische Archäologie im Dritten Reich, Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe 68 (Bielefeld 2002).
R. Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, Studien zur Zeitgeschichte 1 (Stuttgart 1970; 2nd edition München 2006).
M. Ash, Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander, in: R. vom Bruch - B. Kaderas (Hrsg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts (Stuttgart 2002) 32-51.
M. H. Kater, Das "Ahnenerbe" der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, Studien zur Zeitgeschichte 6 (Stuttgart 1974; 4th edition München 2006).
R. Jernej, Archäologie in Kärnten 1938-1945, in: J.-P. Legendre - L. Olivier - B. Schnitzler (Hrsg.), L'archéologie nazie en Europe de l'Ouest / Nazi-Archäologie in Westeuropa, EAA Kongress Lyon 2004 (Gollion 2007) 271-285.
St. Altekamp, Klassische Archäologie und Nationalsozialismus, in: J. Elvert - J. Nielsen-Sikora (Hrsg.), Kulturwissenschaften und Archäologie (Stuttgart; publication date not clear);
Complete text online: http://edoc.hu-berlin.de/oa/bookchapters/reD5IMz1lbPVM/PDF/291OSMHgfjGYo.pdf.
Kontakt:
Gudrun Wlach
Dezember 2008
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