BRUCKNEUDORF
Römische Palastvilla im Burgenland
Die Fundstelle ist seit dem 19. Jh. bekannt, 1949-1955 fanden Grabungen unter der Leitung von B. Saria im Auftrag des ÖAI und mit Mitteln des Landes Burgenland statt. Die Finanzierung wurde bis 1988 vom Land Burgenland getragen, von 1989-1997 standen Drittmittel des ÖAI aus einer Spende der Elektrizitätswirtschaft zur Verfügung, von 1998-2001 Budgetmittel des ÖAI. In den Jahren 2002-2003 war der Abschluss der Arbeiten durch private, anonyme Spenden im Wege des Vereins zur Erhaltung und touristischen Nutzung der 'Römischen Palastanlage' in Bruckneudorf möglich.
Von B. Saria wurden das Hauptgebäude und eine große Anzahl an Nebengebäuden sowie die Umfassungsmauern der Villa ergraben. Im Hauptgebäude fand sich der größte Mosaikenkomplex auf österreichischem Boden: über 300 m² von ursprünglich 500 m² sind erhalten. Kleinere Teile der Mosaikböden wurden abgenommen, die Mauerreste mit den noch in situ befindlichen Mosaiken wurden wieder mit Erde bedeckt. Von den Nebengebäuden wurden vor allem die Grundrisse erfasst.
Die außergewöhnlich reiche Ausstattung und der sekundär verbaute Grabstein des M. Cocceius Caupianus, einer führenden Persönlichkeit des keltischen Stammes der Boier, weisen auf eine keineswegs nur lokale Bedeutung der Villa hin: Sie könnte im Herbst 375 n.Chr. auch Residenz der kaiserlichen Familie gewesen sein.
1975 wurden die Grabungen vom ÖAI unter der Leitung von G. Langmann wieder aufgenommen. Die Mosaiken wurden freigelegt, gehoben und zum größten Teil im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt ausgestellt. Von 1994-2003 wurde unter der Leitung von H. Zabehlicky versucht, die Entwicklung dieses Gutshofes, der sicher von der 2. Hälfte des 1. Jhs. bis in die 1. Hälfte des 5. Jhs. n.Chr. bewohnt war, genauer zu erfassen.
Als frühestes Bauwerk ist ein Holzbau fassbar, dessen Pfostengruben sich zu einem Rechteckhaus ergänzen lassen. Etwa in der 1. Hälfte des 2. Jhs. wird ein erster Bau mit Steinfundamenten errichtet, das Aufgehende kann aber noch aus Lehmziegeln bestanden haben. Einen Teil des Hofes dieses Baus nimmt ein mehrmals frisch hergerichteter Dreschplatz ein.
Pollenanalysen (I. Draxler, Geologische Bundesanstalt) und Phytolithenextraktion (U. Thanheiser, VIAS) unterstützen die Deutung als Tenne. Die landwirtschaftliche Produktion der Villa wurde gewiss im Legionslager und später in der Stadt Carnuntum verbraucht. Gegen Ende des 2. Jhs. n.Chr. wird - weitgehend über demselben Grundriss - ein Gebäude in Steinmauerwerk mit charakteristischem Fugenstrich errichtet. Der zentrale Hof erhält noch später an seiner Nordseite einen Korridor und im Südwestteil einen überdachten Bereich, dessen Dach auf
massiven Pfeilern ruht. Der letzte große Umbau nach 350 n.Chr. verändert das Aussehen grundlegend: An der Nordseite entsteht ein repräsentativer Saal, der durch eine Apsis in seiner Bedeutung zusätzlich hervorgehoben wird. Der zentrale Hof wird vollständig verbaut, wobei manche Details den Eindruck einer unter großem Zeitdruck und unter wechselnden Direktiven durchgeführten Bautätigkeit erwecken. So sind Heizkanäle angelegt worden, für die aber die Heizstellen fehlen.
Einen Überblick über die Bauperioden gibt der farbige Plan (Holzbau: rot, Steinfundamente: blau, Fugenstrichmauerwerk: grün, Hofeinbauten: türkis, Umbau nach 350: orange). In diese Phase fällt auch die großzügige Ausstattung mit Mosaiken, während Wandmalereien auch aus früheren Phasen bekannt sind.
Streiflichter aus dem Alltag der Bewohner verraten etliche in den Verputz geritzte Graffiti. Ein Bernsteinring unterstreicht die Lage an der Bernsteinstraße. Die Annahme, dass dieser Ausbau eine provisorische Residenz für die kaiserliche Familie schaffen sollte, bleibt zwar nach wie vor unbeweisbar, aber doch wahrscheinlich.
Eine andere Erklärung wäre, dass der Statthalterpalast in Carnuntum um die Mitte des 4. Jhs. n.Chr. durch ein Erdbeben beschädigt wurde und der Ausbau der nahe gelegenen Villa leichter einen Ersatz bieten konnte als die Reparatur des städtischen Palastes. Münzfunde sprechen eher für die Datierung des Umbaus sehr bald nach 350 n.Chr. als für das Jahr 375 n.Chr., in dem Valentinian I. in Pannonien war.

Durch den Verein zur Erhaltung und touristischen Nutzung der römischen Palastanlage in Bruckneudorf wurde in den Jahren 2004-2006 mit Fördermitteln der Europäischen Union für das Land Burgenland eine Teilrekonstruktion errichtet. Die Mauern der letzten Periode wurden überhöht, die Rapporte der Mosaiken sind in buntem Pflaster angedeutet. An Holzportalen und auf Pulten rund um das Gebäude sind Tafeln montiert, die das Denkmal dem Besucher erläutern. Auch auf die Neugestaltung des 'Bruckneudorfraumes' im Burgenländischen Landesmuseum soll hingewiesen werden.
Bildunterschriften
Abb. 1: Luftbild der Villa Bruckneudorf (© Tourismusverband Bruckneudorf, Photo Helmreich)
Abb. 2: Phasenplan der Villa Bruckneudorf (© ÖAI, H. Zabehlicky)
Abb. 3: Bernsteinring (© ÖAI, Photo I. Dembski)
Abb. 4: Teilrekonstruktion der Villa Bruckneudorf (© ÖAI)
Literatur:
B. Saria, Der römische Herrensitz bei Parndorf und seine Deutung, in: Festschrift für A.A. Barb, Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland 35, 1966, 252 ff.
G. Langmann, Bericht über die Grabungskampagnen 1975-1978 in Bruckneudorf, Bezirk Neusiedl am See, Burgenland, BHBl 41, 1979, 66 ff. 101 ff.
H. Zabehlicky, Kleiner Führer durch die römische Palastanlage von Bruckneudorf (1998).
H. Zabehlicky, Bruckneudorf, in: 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut, SoSchrÖAI 31 (1998) 137-139.
H. Zabehlicky, Fundus Cocceianus oder "Wem gehörte die Villa von Bruckneudorf", in: Steine und Wege. Festschrift Dieter Knibbe, SoSchÖAI 32 (1999) 397-401.
H. Zabehlicky, Das Hinterland von Carnuntum und die Villa von Bruckneudorf, Anodos 1, 2002, 227-230.
H. Zabehlicky, Zum Abschluß der Grabungen im Hauptgebäude der Villa von Bruckneudorf, ÖJh 73, 2004, 305-325 (mit weiterer Literatur).
I. Draxler - U. Thanheiser - H. Zabehlicky, Eine Tenne aus der Villa von Bruckneudorf (Parndorf) Burgenland, Österreich, in: Limes XIX. Proceedings of the XIXth International Congress of Roman Frontier Studies Pécs, Hungary, September 2003 (Pécs 2005) 651-656.
H. Zabehlicky, Laufzeiten - Zeitläufe, in: Vindobona docet. 40 Jahre Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien, 1965-2005 = NumZ 113/114, 2005, 177-179.
H. Zabehlicky, Das Hinterland von Carnuntum - Villen und Dörfer, in: F. Humer (Hrsg.), Legionsadler und Druidenstab - Vom Legionslager zur Donaumetropole. Textband (Petronell-Carnuntum 2006) 354-360.
Kontakt:
Heinrich Zabehlicky