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Forschungen in Lousoi

Das antike Lousoi (Provinz Achaia, Peloponnes) befindet sich an den Hängen des bei Kalavrita liegenden Hochtals auf etwa 1.200 m Seehöhe und war in der Antike der Landschaft Arkadien zugeordnet.

 

Nach der Entdeckung des Heiligtums der Artemis Hemera von Lousoi durch Wilhelm Dörpfeld und Adolf Wilhelm im Jahre 1897 führte die Zweigstelle Athen des ÖAI in den Jahren 1898 und 1899 in diesem Heiligtum unter der Leitung von Wolfgang Reichel und Adolf Wilhelm die ersten Grabungen durch. Die im Jahre 1980 wieder aufgenommenen Grabungen der Zweigstelle Athen unter der Leitung von Veronika Mitsopoulos-Leon (1980–2006) und G. Ladstätter (ab 2007) dauern bis heute an.

 

Im Bereich der antiken Polis Lousoi belegen das extraurbane Artemisheiligtum, die Grabungen im öffentlichen Zentrum von Lousoi und ein freigelegtes Wohnviertel (Flurbereich Phournoi) eine kontinuierliche Entwicklung von geometrischer Epoche (8. Jh. v. Chr.) bis in die römische Kaiserzeit (spätestens 4. Jh. n. Chr.).

 

Das nach Ausweis antiker Quellen und des Fundmaterials sehr bedeutende Artemisheiligtum, eingerichtet auf einer Felsterrasse über zwei Kathavothren, erlebte mit seiner monumentalen architektonischen Ausgestaltung im frühen 3. Jh. v. Chr. seinen Höhepunkt: In einem groß angelegten Bauprogramm wurden auf zwei Geländeterrassen der Artemistempel sowie ein Brunnenhaus und weitere Gebäude, deren Bestimmung als Bouleuterion und Propylon aufgrund des schlechten Erhaltungszustands nicht ganz zweifelsfrei ist, errichtet.

 

Bei dem im gesamten Unterbau und in zahlreichen Baugliedern gut belegten Artemistempel handelt es sich um einen dorischen prostylen Bau mit vier Säulen in antis, der sich in Pronaos, Cella mit Kultbildbasis und Adyton gliedert; singulär für die griechische Sakralarchitektur wird dieser Kernbau durch zwei symmetrisch angeschlossene Hallen erweitert. Die Ordnungsarchitektur ist in Marmor ausgeführt, eingedeckt war der Bau mit einem tönernen korinthischen Dach, von dem sich zahlreiche diagnostische Antefixe erhalten haben. Auf die vorausgehenden Phasen des Artemiskults und dessen überregionale Ausstrahlung in geometrischer und archaischer Zeit weist das breite Spektrum an Votivgaben, so Bronzeschmuck, figürliche Kleinbronzen und Terrakotten, Blei- und Beinvotive sowie Kultpyxiden und Miniaturgefäße. Ein kleiner prostyler Naiskos (›Ostbau‹) aus dem 4. Jh. v. Chr. belegt einen bescheidenen Vorgängerbau des westlich dazu liegenden Artemistempels.

 

Im öffentlichen Zentrum von Lousoi haben sich an der Talsohle eine 60 m lange, zweischiffige Halle mit vorgelagerter Platzanlage und ein Kultbezirk auf einer höher gelegenen Terrasse erhalten. Der Kultbezirk umfasst einen monumentalen Ringhallentempel und westlich davon einen kleinen Kultbau mit Altar. Bautechnische Affinitäten und Achsbezüge weisen diese Bebauung einem einheitlichen Bauprogramm zu, welches im Laufe des 3. Jhs. v. Chr. ausgeführt wurde. Als bislang größter belegter Tempel für Lousoi erweist sich der Ringhallentempel mit einer Peristase von 6 × 15 Stützen (15,80 × 42,35 m), welche eine dreischiffige Cella mit Pronaos und Adyton einschließt; nach Aussage der Baubefunde wurde dieser Großbau allerdings nur im Bereich der Cella vollendet.

 

Auch im Bereich dieses Kultbezirks ließen sich aussagekräftige Befunde zur vorhellenistischen Bestimmung des Areals feststellen: Komplementär zum Artemisheiligtum belegen tief unter dem Tempel geborgene Keramikfunde und Fundamente zweier einfacher Apsidengebäude eine Siedlungsnutzung aus spätgeometrisch-früharchaischer Zeit.

 

Votivmaterial aus archaischer und klassischer Zeit, welches deponiert an der Kultbildbasis des Tempels geborgen werden konnte, weist auf Kultaktivitäten bereits seit archaischer Zeit; aus zahlreichen Werkstücken eines archaischen lakonischen Tondachs sowie aus einem jüngst freigelegten, sorgfältig gefügten Fundament im Süden des Ringhallentempels sind vermutlich Hinweise auf einen archaischen Vorgängerbau abzuleiten.

 

Im Gegensatz zu dem Artemisheiligtum, welches in augusteischer Zeit aufgelassen wurde, ist der Kult im kleinen Kultgebäude im Westen des Ringhallentempels bis in die mittlere römische Kaiserzeit zu verfolgen.

 

Auf die gehobene Wohnkultur von Lousoi weisen die freigelegten hellenistischen Häuser an den Siedlungsterrassen im Flurbereich Phournoi, etwa zwischen dem öffentlichen Zentrum und dem Artemisheiligtum gelegen.

 

Geben auch ein untersuchtes Peristylhaus und ein einfacheres Haus keine kanonische Grundrissgliederung wieder, so weist das Rauminventar mit Klinen, Badewannen und Herdanlagen/Hestien auf ein hohes Ausstattungsniveau. An die Wohnbereiche angeschlossene Beckenanlagen für die Weinproduktion, Hinweise auf Verarbeitung von Knochen und auf Keramikproduktion sowie Vorratsräume belegen vorwiegend agrarische Ressourcen als ökonomische Grundlagen der Lousioten. Nach einer auf eine Naturkatastrophe zurückzuführenden Zerstörung dieser Häuser nach der Zeitenwende lässt sich eine Nachnutzung des Areals bis in die späte Kaiserzeit belegen.

 

 

Finanzierung

ÖAI

 

 

Kontakt

Georg Ladstätter