Limyra

Projekte: Geografische Übersicht

Ausgrabung Limyra

Geschichte und Forschungsgeschichte

Die Ausgrabung Limyra in der südwesttürkischen Küstenlandschaft Lykien wurde im Jahr 1969 durch Jürgen Borchhardt im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts/Zweigstelle Istanbul begonnen und in der Folge von 1984–2001 als österreichisches Projekt durch das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien weitergeführt. Mit der Übernahme der Grabungsleitung durch Thomas Marksteiner im Jahr 2002 fand die Limyra-Grabung am ÖAI eine neue Heimstatt. Seit dem Jahr 2007 wird die Grabung von Martin Seyer geleitet.

 

Zẽmuri, der lykische Name von Limyra, lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf das hethitische Wort zumarri in Texten des 2. Jts. v. Chr. zurückführen. Im Zuge der Grabungen wurden bisher allerdings keine Schichten einer derart frühen Periode freigelegt, im Verlauf einer Tiefgrabung im Nordbereich der Weststadt fanden sich immerhin einige Fragmente prähistorischer Keramik und Reste einer Herdstelle. Spätestens seit dem 6. Jh. v. Chr. existierte auf diesem Areal eine Siedlung, deren Struktur und Ausdehnung aufgrund der geringen erhaltenen Reste jedoch nicht fassbar sind.

 

Zẽmuri war im 5. Jh. v. Chr. Prägeort des xanthischen Dynasten Kuprrli und dürfte innerhalb der Siedlungshierarchie Lykiens bereits zu dieser Zeit eine bedeutende Stellung eingenommen haben. Eine erste Hochblüte erlebte die Stadt im 4. Jh. v. Chr., als sie zur Residenzstadt einer aufstrebenden ostlykischen Dynastie ausgebaut wurde. Der Dynast Perikle veränderte die politische Landschaft der gesamten Region, indem er in der ersten Hälfte des Jahrhunderts den Machthaber von Xanthos, Arttumpara, besiegte und danach zumindest kurzzeitig über ganz Lykien und die angrenzenden Gebiete im Norden und Osten herrschte. Über das Ende der Herrschaft des Perikle ist nichts bekannt. In der Forschung wird dieser mit der Teilnahme der Lykier am sog. Satrapenaufstand zwischen 370 und 360 v. Chr. verbunden, in dessen Verlauf sich seine Spuren verlieren. Perikle aus Limyra ist der letzte bekannte Dynast Lykiens, da diese Form der relativ unabhängigen Herrschaft durch lokale Kleinkönige im Anschluss an die Niederschlagung dieses Aufstandes durch die Achämeniden ein abruptes Ende fand.

 

Im 4. Jh. v. Chr. wurde in Limyra ein umfassendes Bauprogramm verwirklicht, im Zuge dessen ein gewaltiger Mauerring um eine Fläche von rund 25 ha und eine Gipfelbefestigung errichtet wurden. Zwei hochaufragende, bergfriedartige Turmbauten überragten diese Festung, die wohl die Macht und die Bedeutung ihres Bauherrn versinnbildlichen sollte. Zu dieser Zeit entstand auch das monumentale Heroon der Dynastie auf der Akropolis. Dieser Bau, der sich auf einem Podium erhob und als Amphiprostylos mit jeweils vier überlebensgroßen Karyatiden anstelle von Säulen gestaltet war, vereinigte – sowohl in der Architektur als auch in seinem Skulpturenschmuck – einheimische und griechische Elemente. Während die Seitenwände mit Friesen militärischer Thematik geschmückt waren, hatten die beiden Akrotere die Enthauptung der Medusa durch Perseus und die Tötung der Chimaira durch Bellerophon zum Inhalt.

 

Das Areal in der nördlichen Weststadt diente zwar auch weiterhin für Wohnzwecke, doch wurde ab ca. 400 v. Chr. auch am unteren Hang des Burgberges ein Wohnviertel mit teilweise in den anstehenden Fels geschlagenen Häusern errichtet, woraus sich schließen lässt, dass spätestens seit dieser Zeit der gesamte Bereich zwischen dem Hang und der südlichen Stadtmauer besiedelt war.

 

Ab dem 4. Jh. v. Chr. entstanden auch die fünf Nekropolen der klassischen Epoche mit ihren insgesamt etwa 500 Gräbern, von denen die Nekropolen II und III dem unmittelbaren Stadtgebiet, die übrigen Grabbezirke wohl Vororten zuzuordnen sind. Berücksichtigt man allerdings auch die Nekropolen und Einzelgräber der dörflichen Siedlungen im Umland der Stadt, erhöht sich deren Anzahl erheblich. Limyra weist den bei weitem größten Bestand an Grabbauten sämtlicher lykischen Städte auf. Auffallend ist dabei, dass 59 Gräber mit einer lykischen Inschrift versehen sind, wodurch Limyra einen Anteil von nahezu einem Drittel aller bekannten Inschriften in dieser Sprache stellt. Auch die Anzahl der mit Reliefs geschmückten Grabbauten ist in Limyra größer als in jeder anderen lykischen Stadt.

 

Am spektakulärsten ist zweifellos die hoch über dem Arykandos-Tal gelegene Nekropole I, deren insgesamt neun Gräber zu den schönsten und am besten erhaltenen Zeugnissen lykischer Grabarchitektur gehören. Die unmittelbar westlich der klassischen Stadtmauer gelegene Nekropole II ist mit etwa 250 Felskammergräbern und Sarkophagen nicht nur die größte Nekropole Limyras, sondern auch ganz Lykiens. Hier finden sich einige bemerkenswerte Grabbauten, wie das Felsgrab des Tebursseli, dessen Schlachtrelief über der Grabkammer als eines der wenigen Historienbilder im griechisch beeinflussten Kulturkreis dieser Zeit gelten kann: Der Grabinhaber ließ sich hier als siegreicher Held abbilden, der gemeinsam mit seinem König Perikle dessen Gegenspieler Arttumpara auf dem Schlachtfeld im Xanthos-Tal besiegt; die Interpretation des Kampfgeschehens als Historienbild wird durch die Beischrift in lykischer Sprache bestätigt. Ebenfalls mit Kampfgeschehen verbunden ist das Relief des Felsgrabes des [X]uwata in derselben Nekropole, das einen Zweikampf nach der Vorlage des berühmten Schildes der Athena Parthenos des Phidias wiedergibt.

 

Unter all den monumentalen Gräbern, die wohl als Begräbnisstätten einer aristokratischen Oberschicht anzusehen sind, ist der gewaltige, zweigeschossige Sarkophag des Xñtabura in Nekropole III hervorzuheben, der als ein Wahrzeichen der Ruinen von Limyra gilt. Das Reliefprogramm der Darstellungen, die auf drei Seiten des Unterbaus erhalten sind, entspricht im Wesentlichen den bekannten lykischen Grabreliefs. Lediglich die Abbildung auf der Westseite mit zwei einander gegenübersitzenden bärtigen Männer und einem nackten Jüngling in der Mitte wurde vom Ausgräber als Illustration eines Totengerichts interpretiert; es kann sich dabei jedoch ebenso um eine Palästraszene handeln.

 

Die hellenistische und die frühkaiserzeitliche Phase lassen sich in Limyra nur anhand weniger Bauten fassen, die allerdings aufgrund ihrer Monumentalität und der hohen Qualität ihrer Architektur und des Skulpturenschmucks von der Bedeutung der Niederlassung in diesen Epochen zeugen. Zu diesen Gebäuden zählen das sog. Ptolemaion – ein auf einem massiven Sockelbau stehender Rundtempel mit kegelförmigem Dach aus der Zeit der Ptolemäerherrschaft in Lykien –, zwei weitere hellenistische Tempel, bei denen es sich um einen Peripteros ionischer und einen Pseudoperipteros korinthischer Ordnung handelt, sowie das Kenotaph für Gaius Caesar, dem im Jahre 4. n. Chr. in Limyra verstorbenen Adoptivsohn und präsumptiven Nachfolger des Augustus. Während über das Aussehen des sog. Ptolemaions und des Kenotaphs bis auf Details Einigkeit in der Forschung herrscht, gestaltet sich die Rekonstruktion der beiden anderen Tempel schwierig, da diese vollständig als Spolien in den byzantinischen Stadtmauern verbaut waren und bislang nur teilweise geborgen werden konnten.

 

Das etwa 20.000 Besucher fassende Theater, dessen heutige Gestalt auf die umfassende Restaurierung nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 141 n. Chr. zurückgeht, zumindest zwei Thermenanlagen, mehrere repräsentative Säulenstraßen sowie ein sich auf eine Platzanlage südöstlich des sog. Ptolemaions öffnender Torbau der Stadt verdeutlichen die urbanistische Blüte Limyras während der Kaiserzeit. Eine etwa 360 m lange, bis heute intakt gebliebene Brücke aus dem 3. Jh. n. Chr., die etwa 3 km östlich von Limyra den Alakır Çayı überspannt, zählt zu den ältesten Segmentbogenbrücken der Welt.

 

Die Stellung Limyras als Bischofssitz wird durch die im späten 5. bzw. frühen 6. Jh. erbaute Bischofskirche im Zentrum der Oststadt sowie den unweit südlich davon gelegenen Bischofspalast veranschaulicht. Aus dem frühen 6. Jh. stammen zwei weitere, kleinere Kirchen, wovon diejenige auf dem Burgberg aufgrund ihrer isolierten Lage, verschiedener kleinerer Räume in unmittelbarer Umgebung sowie einer Zisterne westlich der Kirche als Kloster interpretiert wird. Von unruhigen Zeiten zeugen die gewaltigen Stadtmauerringe der Ost- und der Weststadt, die ebenfalls in der frühbyzantinischen Epoche errichtet wurden.

 

Mit dem wahrscheinlich im 16. Jh. gegründeten, aus zwei Gebäuden bestehenden Kloster (Tekke) des Kâfi-Baba, dem ältesten Bektaschi-Kloster der türkischen Südküste, verfügt Limyra auch über ein bedeutendes Monument der islamischen Geschichte. Im Norden dieser Klosteranlage befindet sich das Grabhaus (Türbe) des Kâfi-Baba, das im Jahr 1960 von Grund auf neu errichtet und mit einer Betonkuppel versehen wurde.

 

Literatur

  • J. Borchhardt, Die Bauskulptur des Heroons von Limyra. Das Grabmal des lykischen Königs Perikles, IstForsch 32 (Berlin 1976).
  • J. Borchhardt und Mitarbeiter, Grabungen und Forschungen in Limyra aus den Jahren 1984–1990, ÖJh 61, 1991/1992, Beibl. 125–192.
  • J. Borchhardt, Die Steine von Zẽmuri. Archäologische Forschungen an den verborgenen Wassern von Limyra (Wien 1993).
  • J. Borchhardt und Mitarbeiter, Grabungen und Forschungen in Limyra aus den Jahren 1991–1996, ÖJh 66, 1997, Beibl. 321–426.
  • T. Marksteiner, Die befestigte Siedlung von Liymra, FiLim 1 (Wien 1997).
  • J. Borchhardt, Der Fries vom Kenotaph für Gaius Caeasar in Limyra, FiLim 2 (Wien 2002).
  • M. Seyer (Hrsg.), Studien in Lykien, ErghÖJh 8 (Wien 2007).
  • Vorberichte zu den Grabungen erscheinen jährlich in den Kazı Sonuçları Toplantısı (KST) und den News of Archaeology from Anatolia’s Mediterranean Areas (ANMED).

 

 

Die Theaterthermen

Nach ersten Sondagen in den 1990er Jahren widmen sich seit 2007 kontinuierliche Grabungen einem Gebäude, bei dem es sich um die Reste einer kleinen Badeanlage handelt, direkt westlich des römischen Theaters von Limyra.

 

Die im Süden der Grabungsfläche gelegene Raumfolge II, III und IV war mit einem komplexen Heizungssystem versehen, das sich durch Hypokaustpfeiler sowie die für Lykien charakteristischen tönernen Abstandhalter zur Beheizung der Wände manifestiert. Eine Interpretation dieser drei Räume als Caldarium, Tepidarium und Frigidarium ist naheliegend. Der Aufbau der Ostmauer von Raum IV spricht dafür, hier die Lage des Präfurniums anzunehmen. Demgemäß entspricht die Anlage der Baderäume dem in lykischen Bädern häufigen Reihentypus, bei dem die Räume axial nebeneinander angeordnet sind. Der nördlich an das Tepidarium und Frigidarium anschließende Raum V war mit einem qualitativ hochwertigen Boden aus Kalksteinplatten und einem Wasserbecken ausgestattet, sodass er wohl als Ambulatio anzusprechen ist und vor allem der Pflege sozialer Kontakte diente. Östlich daran schließt ein – in seiner Orientierung leicht abweichender, ebenfalls mit einem Plattenboden ausgestatteter – Annex an, der eine Verbindung zwischen Raum IV und V herstellt und vermutlich auf einen späteren Umbau zurückzuführen ist.

 

Die Funktion der weiteren Räume konnte noch nicht abschließend geklärt werden; sollte die im Norden von Raum VII erhaltene Schwelle den ursprünglichen Eingang in das Gebäude markieren, wäre in Raum I mit seinem direkten Zugang zum Frigidarium mit großer Wahrscheinlichkeit das Apodyterium zu sehen.

 

Keramikfunde aus einer Tiefgrabung in Raum V liefern einen Datierungsansatz für die Errichtung des Gebäudes im 2. Jh. n. Chr. Die Bauweise sowie die Verwendung zahlreicher Spolien deuten allerdings auf eine spätere Datierung in das 3. oder frühe 4. Jh. n. Chr. Die Badeanlage wurde bereits relativ früh, vermutlich im 5. Jh. n. Chr., aufgegeben.

 

Eine sekundäre Nutzung, zumindest von Teilen des Gebäudes, belegen spätere Einbauten sowie die Zusetzung mehrerer Durchgänge. Vermutlich im 7. Jh. n. Chr. wurde in Raum II auch ein neues Bodenniveau in Gestalt eines dünnen Mörtelbandes geschaffen. Einen Hinweis auf die Weiterbenutzung des Komplexes zumindest bis in byzantinische Zeit liefern zudem mehrere in situ gefundene Großgefäße dieser Epoche; auffallend sind auch zahlreiche Funde byzantinischer Säulen und Kapitelle. Darüber hinaus wurden vor allem im südlichen und östlichen Bereich der Grabungsfläche zahlreiche neuzeitliche Bestattungen freigelegt, die die letzte Phase der Nachnutzung des Komplexes darstellen.

 

Es kann bislang noch nicht entschieden werden, ob es sich bei den sog. Theaterthermen an diesem zentralen Punkt der Stadt um eine weitere öffentliche Thermenanlage in Limyra handelt oder um den Teil eines – möglicherweise privaten – repräsentativen Gebäudekomplexes unbekannter Zweckbestimmung. Neben der Klärung dieser Frage wird es Ziel weiterer Untersuchungen sein, Erkenntnisse zur Einbindung des Komplexes in das städtebauliche Gesamtkonzept zu gewinnen.

 

Literatur

  • B. Rasch – M. Seyer, Die Grabungen in der Nordweststadt, in: J. Borchhardt und Mitarbeiter, Grabungen und Forschungen in Limyra aus den Jahren 1991–1996, ÖJh 66, 1997, Beibl. 345–348.

 

 

Geodäsie in Limyra

Die geodätischen Arbeiten in Limyra beziehen sich auf die Erstellung und Pflege des Festpunktfeldes, die Erweiterung des digitalen Stadtplans und die vermessungstechnische Unterstützung archäologischer Projekte.

 

Bisherige Vermessungen und Kartierungen basierten ausschließlich auf einem lokalen Koordinatensystem, was modernen Messverfahren (insbesondere GPS-Messungen) nicht mehr gerecht war. In der Kampagne 2008 wurde daher eine Revidierung des bestehenden Festpunktfeldes durchgeführt, mit dem Ziel, einen einheitlichen Koordinatenrahmen mit Bezug zum ITRF (International Terrestrial Reference Frame) für den Bereich der Grabung Limyra und dessen Umland zu realisieren. Dazu erfolgte die Einmessung eines Basispunktes mit GPS ins ITRF2000, von dem aus das bisherige Festpunktfeld weitestgehend neu bestimmt wurde. Eine fixe Translation nimmt auf das bestehende Höhensystem Bezug, das weitestgehend mit dem türkischen Höhensystem übereinstimmt. Die entscheidenden Vorteile des neuen Koordinatenbezugsrahmens LRF08 (Limyra Reference Frame 2008) sind die Benutzung von GPS-Messverfahren für die Erfassung archäologischer Strukturen und die einfache Integration externer Geodaten, wie geophysikalischer Messdaten, Satellitendaten, topografischer Karten und Luftbilder.

 

Der Fertigstellung des neuen Koordinatenbezugsrahmens folgte die Transformation des bisherigen Stadtplans vom lokalen System ins LRF08. Die Planinhalte werden seit der Kampagne 2009 einer genauen Prüfung unterzogen. Wo sich Lageabweichungen zeigen, wird unter Berücksichtigung des vorhandenen Datenmaterials neu vermessen. Objekte, die bisher im Stadtplan fehlten, werden ebenso neu aufgenommen, sodass sukzessive der Bestand an archäologischen Objekten in einem Plan in hoher Lagequalität verfügbar ist. Der digitale Stadtplan wird in einer AutoCAD-Datei verwaltet, die für die Anfertigung von Kartenmaterial als Arbeitsgrundlage und für Publikationen sowie Präsentationen aktueller Projekte herangezogen werden kann.

 

 

Kontakt

Martin Seyer