Grabungsgeschichte von Ephesos

Die pittoreske Ruinenlandschaft von Ephesos war Ziel zahlreicher Reisender der frühen Neuzeit, die in ihren Berichten und Aufzeichnungen Kunde von Ephesos und Ayasoluk gaben. Als deren Bekanntester mag Cyriacus von Ancona gelten, der gegen Ende des 15. Jhs. den Ort aufsuchte. Eine genaue Beschreibung von Ayasoluk lieferte in der Mitte des 17. Jhs. der osmanische Reisende Evliya Çelebi, dessen Interesse vornehmlich den türkisch-islamischen Bauten galt. Auch in den folgenden Jahrhunderten war der Ort immer wieder Gegenstand von Berichten vor allem englischer und französischer Reisender, welche die Ruinen beschrieben und zeichneten. Die Expeditionen galten allerdings nicht nur der archäologischen Hinterlassenschaft, sondern widmeten sich auch der Geografie, Geologie und der Ethnografie.

Die eigentliche Ausgrabung von Ephesos begann in der zweiten Hälfte des 19. Jhs., als der englische Eisenbahningenieur John Turtle Wood im Jahr 1863 auf der Suche nach dem Artemision zahlreiche Sondagen anlegte. Im Auftrag des British Museum verfolgte er das Ziel, den Tempel der Artemis, eines der sieben Weltwunder der Antike, zu finden. Da er das Heiligtum im hellenistisch-römischen Stadtareal vermutete, wurden im Zuge seiner Grabungsaktivitäten zahlreiche Bauwerke, so das Bouleuterion, das sog. Lukas-Grab und das Große Theater zumindest teilweise freigelegt, das Artemision freilich vermochte Wood nicht zu entdecken. Erst am Silvestertag des Jahres 1869 hatte er sein Ziel erreicht, doch die Freude darüber währte nicht lange: Der schlechte Erhaltungszustand einerseits, die ausbleibenden Funde andererseits hielten die Geldgeber von der Finanzierung weiterer Untersuchungen ab, und John Turtle Wood musste seine Arbeiten wenige Jahre später einstellen.

So war es dem Ordinarius für Klassische Archäologie an der Universität Wien, Otto Benndorf, vorbehalten, im Jahr 1893 dem Cultus-Ministerium ein Grabungsprojekt für Ephesos vorzustellen, wobei er für die Freilegung der Stadt etwa fünf Jahre veranschlagte. Mit der erteilten Genehmigung und der großzügigen Spende eines privaten Sponsors nahm eine der größten archäologischen Unternehmungen auf dem heutigen Staatsgebiet der Türkei ihren Anfang. Die Grabungen knüpften zunächst an die Aktivitäten Woods im Artemision an, konzentrierten sich in weiterer Folge aber auf den Burgberg des heutigen Selçuk, den Ayasoluk. Sukzessive wurden die archäologischen Feldforschungen auf verschiedene Bereiche des antiken Stadtgebiets ausgedehnt und so beispielsweise Bauten im Hafengebiet, Teile der Tetragonos Agora, die Celsusbibliothek und auch die Marienkirche freigelegt. In Selçuk selbst errichtete man ein Expeditionshaus, das noch heute als Stützpunkt für die archäologischen Aktivitäten in und um Ephesos dient. Der Ansatz der ersten Ausgräber war ein sehr moderner: Es galt, die Topografie der Stadt und deren Entwicklung durch die Jahrhunderte darzulegen, wobei nicht nur die griechisch-römischen Denkmäler berücksichtigt wurden. In den frühesten Publikationen finden sich Beschreibungen von Alt-Selçuk und den seldschukischen Monumenten ebenso wie eine Auflistung der osmanischen Grabdenkmäler.

Die Feldforschungen wurden durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen für mehr als ein Jahrzehnt unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Grabungsaktivitäten im Jahr 1926 widmete man sich verstärkt zwei Fragestellungen, zum einen den Bad-Gymnasien-Komplexen, zum anderen den christlichen Monumenten wie der Marienkirche, der Johannesbasilika und dem Sieben-Schläfer-Zömeterium. Erneut unterbrach die politische Destabilisierung Europas, der durch das nationalsozialistische Regime hervorgerufene Zweite Weltkrieg und dessen Folgen, die archäologischen Aktivitäten für lange Zeit. Es sollte 19 Jahre dauern, bis die Grabungen in Ephesos wieder aufgenommen werden konnten. Die dann ab 1956 jährlichen Grabungskampagnen wurden unter großem Einsatz von Menschen und Maschinen durchgeführt. In ihrem Rahmen wurden in den nächsten Jahrzehnten ganze Stadtbereiche freigelegt und der zutage getretene Schutt mittels einer Feldbahn abtransportiert. »Die Stadt vom Schutt zu befreien und ihr prachtvolles, kaiserzeitliches Erscheinungsbild wieder herzustellen«, waren die Ziele des damaligen Grabungsleiters Franz Miltner.

Die Grabung Ephesos entwickelte sich speziell unter Grabungsleiter Hermann Vetters zu einem Großunternehmen, die intensiven Grabungsaktivitäten warfen aber auch unmittelbare Fragen nach der Konservierung der auf diese Weise freigelegten Denkmäler auf. Bereits kurz nach der Entdeckung des Hanghauses 2 war klar geworden, dass der Malerei- und Mosaikenschmuck an Ort und Stelle zu belassen sei und nicht in ein Museum transferiert werden sollte. Allerdings sollte es über 30 Jahre dauern, bis unter der Grabungsleitung von Friedrich Krinzinger ein adäquates Schutzdach errichtet und die Ruine der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Bereits vor der Errichtung des Schutzbaus über dem Hanghaus 2 versuchte man in unterschiedlichen Anastylose-Projekten, den erhaltenen Denkmälerstand präsentabel zu gestalten. Zitiert werden sollen in diesem Zusammenhang das Nymphaeum Traiani, der Memmiusbau und natürlich die wiedererrichtete Fassadenfront der Celsusbibliothek. Mit der zunehmenden Zahl an Touristen in der Türkei stieg auch die Besucherfrequenz in Ephesos stark an. Das Ruinengelände entwickelte sich zu einer der bestbesuchten archäologischen Stätten, begründet durch den herausragenden Erhaltungszustand sowie die besucherfreundliche Präsentation der Monumente. Der Massentourismus ist aber zugleich eine große Herausforderung für die Archäologie: Heute besuchen jährlich durchschnittlich 1,5 Millionen Menschen die Grabungsstätte, 90.000 davon finden ihren Weg in das Hanghaus 2. Die hohe Besucheranzahl nutzt der Ruine, sie macht Ephesos bekannt und führt zu einer großen Akzeptanz des wissenschaftlichen Unternehmens in der Öffentlichkeit. Sie strapaziert die Ruine aber auch massiv, und es ist ein Hochseilakt, zielorientierte Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und touristische Vermarktung zu verbinden, ohne eine der mitunter rivalisierenden Komponenten zu vernachlässigen.

Lag das Hauptaugenmerk in den 80er Jahren des 20. Jhs. auf großflächigen Freilegungsarbeiten, so wandelte sich die Schwerpunktsetzung im Verlauf der 1990er Jahre in Richtung Aufarbeitung und die damit verbundene Publikationstätigkeit. Bei den Feldforschungen werden heute modernste und zum Teil zerstörungsfreie Methoden wie Surveys und geophysikalische Prospektion eingesetzt und nur gezielte, meist klein dimensionierte Grabungen durchgeführt. Gerade ein Langzeitprojekt wie Ephesos bietet die Möglichkeit, an einer der bedeutendsten Fundstätten des Mittelmeerraumes archäologische Grundlagenforschung und Methodenentwicklung zu betreiben: Als Forschungsgegenstand steht eine Stadtanlage mit ihrem Umland zur Verfügung, die von der Bronzezeit bis in das Mittelalter durchgehend besiedelt war, und dies zumeist als Zentralort der Region. Das ständige Grabungsteam sieht neben Archäologinnen und Archäologen auch eine umfangreiche Mitarbeit von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus Komplementärdisziplinen vor. Einen immer wichtigeren Aspekt bilden die Denkmalpflege und das Monitoring des antiken Bestandes. Durchschnittlich 180 Fachleute und 60–80 Arbeiter pro Jahr machen Ephesos auch heute zu einem archäologischen Großunternehmen. Die Grabungen werden vom ÖAI unter Beteiligung nationaler und internationaler Forschungseinrichtungen und auf Grundlage einer jährlich zu erneuernden Genehmigung durch die Antikenverwaltung der Republik Türkei durchgeführt.


Literatur

  • O. Benndorf, Forschungen in Ephesos 1 (Wien 1906).
  • H. Friesinger – F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995, DenkschrWien 260 = AForsch 1 (Wien 1999).
  • F. Hueber, Ephesos – Gebaute Geschichte (Mainz 1997).
  • D. Knibbe, Ephesus – ΕΦΕΣΟΣ. Geschichte einer bedeutenden antiken Stadt und Portrait einer modernen Großgrabung im 102. Jahr der Wiederkehr des Beginnes österreichischer Forschungen (Frankfurt/Main 1998).
  • F. Krinzinger, Ephesos, in: W. Radt (Hrsg.), Stadtgrabungen und Stadtforschungen im westlichen Kleinasien, BYZAS 3 (Istanbul 2006) 79–98.
  • F. Krinzinger (Hrsg.), Ephesos. Architecture, monuments and sculpture (Istanbul 2007).
  • P. Scherrer (Hrsg.), Ephesos. Der neue Führer. 100 Jahre österreichische Ausgrabungen 1895–1995 (Wien 1995).
  • G. Wiplinger – G. Wlach, Ephesos. 100 Jahre österreichische Forschungen (Wien 1996).
  • T. Wohlers-Scharf, Die Forschungsgeschichte von Ephesos. Entdeckungen, Grabungen und Persönlichkeiten (Frankfurt/Main 1996).
  • J. T. Wood, Discoveries at Ephesus (London 1877).


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Sabine Ladstätter