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DAS VEDIUSGYMNASIUM IN EPHESOS

Projektkonzipierung

Der in der Mitte des 2. Jhs. n.Chr. eingeweihte, von M. Claudius P. Vedius Antoninus Phaedrus Sabinianus gestiftete Bad-Gymnasium-Komplex am Nordwestabhang des Panayırdağ steht seit Sommer 2000 im Interesse österreichischer Forschungsaktivitäten in Ephesos.
Mit dem Neubeginn der Arbeiten am Vediusgymnasium wurde die Absicht verbunden, die von Max Theuer, Josef Keil und Franz Miltner geleisteten Vorarbeiten durch partielle Nachuntersuchungen in eine - bis heute nicht vorhandene - Endpublikation münden zu lassen. Diese sollte sowohl die theoretische Rekonstruktion des Bauwerks mitsamt seiner Ausstattung und die Klärung der technischen Aspekte der Therme als auch eine archäologisch-historische Auswertung der Anlage umfassen, wobei die Nutzungsgeschichte des Bades und die Vornutzung seines Areals als Teil der Stadtgeschichte von Ephesos berücksichtigt werden.
Die Finanzierung des Projektes erfolgte aus dem ordentlichen Budget des ÖAI und aus Mitteln des damaligen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die im Rahmen eines Forschungsauftrages zur Verfügung gestellt wurden. Das Projekt konnte mittlerweile erfolgreich abgeschlossen werden.

Baubeschreibung

Der symmetrisch zur Ost-West ausgerichteten Längsachse angelegte Bad-Gymnasium-Komplex gilt als Idealtypus einer kleinasiatisch-kaiserzeitlichen Thermenanlage: Die vier Hauptbaderäume sind axialsymmetrisch an der Hauptachse angelegt: Das Caldarium (XVI, XVII und XVIII) mit seinen Nebenräumen (XV und XIX) im Westen, das als Schleuse dienende, im Osten anschließende Tepidarium (XI) und das zentral gelegene Frigidarium (V) mit seiner im Osten vorgelagerten, langgestreckten Natatio (IV). Der Zentralraum (V) war von zwei Nord-Süd orientierten Räumen (VI und VII) flankiert, von denen der südliche aufgrund seiner Ausstattung mit Sitzbänken als Apodyterium identifiziert werden kann. Die Räume IV, VI und VII waren jeweils von einem doppel T-förmigen Flügelsaal (III) begehbar, der wohl als Ambulatio und Warteraum diente. Über zwei kleine Räume (I und II) im Osten des Flügelsaales erschloss sich der etwa 40 × 50 m große Hof der ebenfalls in der Ost-West-Achse angelegten Palästra.
An der Westseite dieser Palästra eröffnete sich - durch eine Säulenreihe abgegrenzt - eine mit zweigeschossiger Tabernakelarchitektur, Marmorinkrustationen und Skulpturen ausgestattete Exedra, die von den Räumen I, II und III gleichsam eingerahmt wurde.
Das dreiachsige, monumentale Propylon in der Mitte der Südseite der Palästra bildete den Haupteingang der Anlage, über den man schließlich auf die mit Säulenhallen flankierte Straße zwischen dem Vediusgymnasium und dem Stadion gelangte.

Forschungsgeschichte

Noch ehe die ersten Ausgrabungen im Areal des Vediusgymnasiums begonnen wurden, war die Bestimmung des mehr als 12.000 m² großen Gebäudes nördlich des Stadions Ausgangspunkt zahlreicher Mutmaßungen, die in Berichten von Reisenden, Historikern und Archäologen des 18. und 19. Jhs. ihren Niederschlag fanden. So vermutete A. Ritter Prokesch von Osten 1836 in ihm einen Palast, R. Pococke 1845 "a forum for the merchants of the city" und J. T. Wood 1868/69 einen "Tyrant's Palace", während F. Adler (1873) und G. Weber (1892) die Thermenanlage als Prätorium bezeichneten.

Erst als in den 1927 unter der Leitung von J. Keil begonnenen Grabungen in den Räumen XVI und XVIII der Westseite des Bades festgestellt werden kann, dass "das später zerstörte und weggeführte Plattenpflaster des Fußbodens auf Säulchen aus Rundziegeln in suspensura aufruhte", bzw. dass "an den Wänden röhrenförmige und untereinander kommunizierende Heizziegel aufgestellt waren" und man bei der Tiefgrabung in der Mitte der Anlage "Spuren eines Wasserbassins" (der Natatio) nachweisen kann, erkennt Keil - noch im Herbst 1927 -, dass es sich zumindest im Westteil des Gebäudes um eine Thermenanlage handelte. Er übernimmt daher den Vorschlag M. Theuers, den er mit der örtlichen Ausführung der Arbeiten betraute, diese Badeanlage fortan als Stadionthermen zu bezeichnen, behält sich aber eine spätere Identifizierung des Monumentes als Gymnasium vor.
Als nach dem Fund einer Bauinschrift (IvE II 431) auf dem Epistyl der Hofhallen im September 1928 eine zweite Bauinschrift (IvE II 438) gefunden wird, kann Keil endgültig alle Zweifel um die Benennung des Gebäudes ausräumen: "Statt des Namens Stadionthermen ... hat das Gebäude nunmehr den Namen Gymnasion beim Stadion oder Gymnasion am Koressos zu erhalten." Darüber hinaus hege er keine weiteren Bedenken, dass dieses Gebäude mit dem "gymnasion pros to Koresso" identisch sei, in dem der Rhetor Aristeides eine seiner Waschungen vornahm, die ihm von Asklepios aufgetragen worden waren. Tatsächlich verwendet Keil aber, wie aus den Grabungstagebüchern hervorgeht, ab 1929 nur noch den Begriff 'Vediusgymnasium', Bezug nehmend auf den in der Bauinschrift (IvE II 438) als Bauherrn genannten M. Claudius P. Vedius Antoninus Phaedrus Sabinianus, der den Ephesiern neben der Ausführung anderer Wohltaten auch als Stifter des Umbaus des Bouleuterions bekannt war.
Während der ersten Grabungsperiode von 1927-1929 werden von M. Theuer die West-, Ost- und Südfront der Therme fast vollständig freigelegt. Herausragender Moment ist in dieser ersten Kampagne die Ausgrabung des Mittelsaales der Ostfront des Bades, der als 'Kaisersaal' angesprochen wurde.
Die Resultate dieser ersten Jahre führen allerdings zu keiner Publikation, da geplant war, alle vier Gymnasien von Ephesos in einer Gesamtpublikation vorzulegen. Durch die Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeit des ÖAI in Ephesos ab dem Jahr 1936 bis einschließlich 1953 wurde das Vorhaben einer Gesamtpublikation erschwert. Dazu kam, dass sich J. Keil aufgrund der Erkrankung von M. Theuer gezwungen sah, im Dezember 1948 F. Miltner mit der Veröffentlichung der Gymnasien zu betrauen; Theuer stirbt im darauffolgenden Jahr.
Als im Frühjahr 1954 nach langer Pause erstmals wieder in Ephesos geforscht werden kann, widmet sich Miltner umgehend der großen Thermenanlage. Aufgrund von Geldmangel müssen die Grabungen aber auf kleine Untersuchungen an der West- und Nordfront beschränkt werden. Danach werden die Arbeiten mit dem Beginn der groß angelegten Grabungen auf der Kuretenstraße erneut unterbrochen. Erst im Frühjahr und Herbst 1958 werden von Miltner wieder Vermessungs- und Aufnahmearbeiten bzw. partielle Restaurierungen durchgeführt.
Das geplante Vorhaben, ein Manuskript zum Vediusgymnasium vorzulegen, das zur endgültigen Publikation der vier großen Gymnasien von Ephesos führen sollte, wurde durch Miltners Tod im darauffolgenden Jahr (23.7.1959) allerdings zunichte gemacht.
Im Sommer 2000 nahm das ÖAI die Arbeiten am Vediusgymnasium wieder auf.

Bildunterschriften
Abb. 1: Vediusgymnasium. Grundriss (© ÖAI)
Abb. 2: Vediusgymnasium zum Zeitpunkt der Ausgrabungen von Max Theuer (1929) (© ÖAI)
Abb. 3: Vediusgymnasium. Überblick von Südosten (© ÖAI)
Abb. 4: Vediusgymnasium. Marmorsaal (© ÖAI)

Literatur:
J. Keil, XII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 23, 1926, Beibl. 250-256.
J. Keil, XIII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 24, 1929, Beibl. 19-58.
J. Keil, XIV. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 25, 1929, Beibl. 19-24.
J. Keil, XV. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 26, 1930, Beibl. 17-20.
F. Miltner, XX. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 42, 1955, Beibl. 23-28.
F. Miltner, XXIV. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 45, 1960, Beibl. 69-72.
M. Steskal – M. La Torre, Das Vediusgymnasium in Ephesos, ÖJh 70, 2001, 221–244.
M. Steskal, Zu den Stiftungen des M. Claudius P. Vedius Antoninus Phaedrus Sabinianus und ihrem Echo in Ephesos, Tyche 16, 2001, 177-188.
M. Steskal, Bemerkungen zur Funktion der Palästren in den ephesischen Bad-Gymnasium-Komplexen, ÖJh 72, 2003, 227-239.
M. Steskal, Die ephesischen Thermengymnasien. Zu Nutzbarkeit und Funktion eines kaiserzeitlichen Gebäudetypus im Wandel der Jahrhunderte, Nikephoros 16, 2003, 157-172.
M. Steskal - S. Ladstätter, Vorbericht zur Baugeschichte des Vediusgymnasiums in Ephesos, ÖJh 73, 2004, 237-249.
A. Pülz - M. Steskal, Zu einer Platte mit jüdischen Symbolen aus dem Vediusgymnasium in Ephesos, ÖJh 73, 2004, 199-205.
M. Steskal, Eine Amazonenweihung aus dem Vediusgymnasium in Ephesos, in: B. Brandt - V. Gassner - S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift Friedrich Krinzinger I (2005) 327-336.
M. Steskal, The Bath-Gymnasium Complex of Vedius in Ephesus, in: O. Menozzi - M.L. Di Marzio - D. Fossataro (Hrsg.), SOMA 2005. Proceedings of the IX Symposium on Mediterranean Archaeology. Chieti (Italy) 24-26 February 2005, BARIntSer 1739 (2008) 557-562.
M. La Torre, Bericht zur Neuaufnahme der Bauforschung am Vediusgymnasium in Ephesos, in: G. Koiner - M. Lehner - Th. Lorenz - G. Schwarz (Hrsg.), Akten des 10. Österreichischen Archäologentages in Graz 7.-9.11.2003 (2006) 97-106.
M. La Torre, Das Vediusgymnasium in Ephesos, in: G. Wiplinger (Hrsg.), Cura Aquarum in Ephesus. Proceedings of the Twelfth International Congress on the History of Water Management and Hydraulic Engineering in the Mediterranean Region, Ephesus/Selçuk, October 2-10, 2004, SoSchrÖAI 42, BABesch Suppl. 12 (2006), 87-93.
M. La Torre, Einblick in die Haustechnik des Vediusgymnasiums in Ephesos, in: Bericht über die 43. Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung vom 19.-23.5.2004 in Dresden (2006) 87-93.
M. Steskal, Griechische Gymnasien und römische Thermen. Rezeption römischer Lebensart im griechischen Osten dargestellt am Beispiel der ephesischen Bad-Gymnasium-Komplexe, in: M. Meyer (Hrsg.), Neue Zeiten - Neue Sitten. Zu Rezeption und Integration römischen und italischen Kulturguts in Kleinasien. Akten des Internationalen Kolloquiums in Wien 2005, WForsch 12 (2007) 115-123.
M. Steskal, Das Vediusgymnasium von Ephesos in der Spätantike, in: G. Grabherr - B. Kainrath (Hrsg.), Akten des 11. Österreichischen Archäologentages, IKARUS 3 (2008) 293-302.
M. Kerschner - I. Kowalleck - M. Steskal, Archäologische Forschungen zur Siedlungsgeschichte von Ephesos in geometrischer, archaischer und klassischer Zeit. Grabungsbefunde und Keramikfunde aus dem Bereich von Koressos, 9. ErghÖJh (2008).
M. Steskal - M. La Torre, Das Vediusgymnasium in Ephesos. Archäologie und Baubefund, FiE XIV 1 (2008).
M. Steskal, Römische Thermen und griechische Gymnasien: Ephesos und Milet im Spiegel ihrer Bad-Gymnasien, in: Das kaiserzeitliche Gymnasion. Internationale Tagung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main am 23. und 24. November 2007 (in Druck).

Kontakt:
Martin Steskal (Wien; Archäologie)
Martino La Torre (Wiesbaden; Bauforschung)


Dezember 2008