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DAS THEATER VON EPHESOS

Das antike Theater, in dem nicht nur dramatische Spiele aufgeführt, sondern auch Volks- und Bürgerversammlungen abgehalten wurden, hat seinen Ursprung im Kult des Dionysos. Aus dem Raumprogramm und dem Funktionsablauf des dramatischen Spieles in der griechischen Epoche ging die architektonische Schöpfung des antiken Theaters hervor. Das griechische Theater setzt sich aus drei lose verknüpften, nicht zu einer Einheit verschmolzenen Teilen zusammen: Der Zuschauerraum war das Theatron im eigentlichen Sinn. Vor ihm und z.T. von ihm umschlossen lag die Orchestra. Die Skene bildete als 'Bühnenhaus' den Hintergrund der Orchestra.
Alle drei Teile finden sich auch in den Theatern der römischen Zeit wieder; sie waren aber dort zu einem einheitlichen Komplex verbunden. Zusätzlich entstand im römischen Theater noch eine Bühne; an deren Rückseite erhob sich eine architektonische Schaufront, die sog. scaenae frons, die durch zwei- oder dreistöckige Säulenfassaden gegliedert war.
Das Theater von Ephesos wurde in hellenistischer Zeit in der Tradition griechischer Theater errichtet, besitzt aber infolge von Umbauten in der Kaiserzeit auch Elemente des römischen Theaterbaus. Da diese Bauphasen sowohl aufgrund des guten Erhaltungszustands als auch aus Inschriften zu erkennen sind, besitzt das Theater von Ephesos eine besondere Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte der antiken Theater in Kleinasien.


Das Theater wurde erstmals durch J.T. Wood untersucht und in den Jahren 1897 und 1900 durch das ÖAI unter der Leitung von Rudolf Heberdey fast vollständig freigelegt. In den 1970er Jahren wurden im Zusammenhang mit Restaurierungsarbeiten Ausgrabungen am Zuschauerraum seitens des Ephesos Museums Serlçuk durchgeführt. Von 1993-1998 wurde der Zuschauerraum durch das ÖAI im Zusammenhang mit neuerlichen Restaurierungsmaßnahmen weiter untersucht (I. Ataç, St. Karwiese). Seit 1997 stand die baugeschichtliche Untersuchung des Bühnengebäudes im Mittelpunkt (A. Öztürk), 2004 wurde in Zusammenarbeit mit der TU Wien (M. Döring-Williams) ein neues Projekt zur Konsolidierung des Bauwerks begonnen.

Beschreibung und Baugeschichte

Das Theater liegt am Westhang des Panayırdağ, eines der beiden Stadtberge von Ephesos. Der Großteil des Zuschauerraums des Theaters ist in den Hang gebaut: Er öffnet sich nach Westen und fasste nach dem Endausbau mit drei horizontal unterteilten Rängen in der römischen Kaiserzeit ca. 21.000 Sitzplätze. Das Bühnenhaus ist als freistehender Baukörper konzipiert.
In den Ruinen des Theaters werden zwei Bauphasen aus der hellenistischen Zeit vermutet. Es wird angenommen, dass ein Theater schon bei der Anlage der Neustadt durch Lysimachos vorgesehen war und der älteste Teil des Erhaltenen somit etwa der ersten Hälfte des 3. Jhs. v.Chr. angehört. Aus der zweiten hellenistischen Bauphase stammt die Orchestra mit Entwässerungskanal, der Zuschauerraum wies damals vielleicht nur einen Rang auf. Das Bühnenhaus der zweiten hellenistischen Periode bestand aus einem zweigeschossigen Gebäude. Die Schaufassade des Obergeschosses war durch sieben Thyromata, große Öffnungen zwischen den Pfeilern zur Aufnahme von Bildtafeln, gegliedert. Diese zweite hellenistische Bauphase lässt sich frühestens an das Ende des 2., wahrscheinlicher erst in das 1. Jh. v.Chr. datieren.
Die römische scaenae frons wurde vor das hellenistische Bühnengebäude gesetzt. Sie war ursprünglich zweigeschossig und wurde in einer späteren Periode um ein Geschoss erhöht.
Die Anlage der zweigeschossigen scaenae frons erfolgte im Rahmen des großen Bau- und Verschönerungsprogramms zur Zeit der flavischen Kaiserdynastie (Ende des 1. Jhs. n.Chr.). In diese Zeit gehört auch der zweite Rang des Zuschauerraums, dessen Sitzreihen im Randbereich auf Substruktionen in Form leerer Gewölbekammern gelegt wurden. Es ist zu vermuten, dass die scaenae frons noch vor 262 n.Chr. um ein Geschoss erhöht und der dritte Rang des Zuschauerraums gebaut wurden. Bei dem großen Erdbeben von 262 stürzten Teile des Bauwerks ein; danach wurden die Stiegenaufgänge im Nord-Analemma grundlegend verändert. Im 7. Jh. n.Chr. wurde das Theater in das Verteidigungssystem der stark verkleinerten Stadt einbezogen.

Aktuelle Arbeiten

Ziele der derzeitigen Forschungen am ephesischen Bühnengebäude des Theaters von Ephesos sind die Klärung der baugeschichtlichen Fragen des Bühnengebäudes durch vollständige Aufnahme aller Architekturteile und die Erarbeitung einer steingerechten Rekonstruktion der Fassade unter Zuhilfenahme moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie eine rasche Publikation der Ergebnisse der jüngeren Forschungen. Das Projekt wird finanziell vom ÖAI getragen.
Bereits 1997 wurden die Steine der Theaterfassade nach ihrer Sammlung und Nummerierung in der Abfolge ihres baulichen Zusammenhanges in der Palästra des benachbarten Theatergymnasiums ausgelegt und mit der zeichnerischen Aufnahme der Architekturteile und der Bauaufnahme des Bühnenhauses begonnen, welche 2005 abgeschlossen werden konnte. Im Zuge der Architekturdokumentation wurden neben Restaurierungs- und Konservierungskonzepten auch Vorschläge zu einer modernen Nutzung des ephesischen Theaters erarbeitet.

Bildunterschriften
Abb. 1: Theater, Blick in die Orchestra nach Westen über Arkadiane zum sog. Paulusgefängnis (© ÖAI)
Abb. 2: Theater, Rekonstruktion der scaenae frons von G. Niemann (FiE II [1912]) (© ÖAI)
Abb. 3: Theatergymnasium, Blick auf die ausgelegten Architekturglieder der scaenae frons (© ÖAI)

Literatur:
R. Heberdey - G. Niemann - W. Wilberg, Das Theater von Ephesos, FiE II (1912).
H. Hörmann, Jdl 38/39, 1923/24, 282ff.
I. Ataç, Neue Beobachtungen am Theater von Ephesos, in: P. Scherrer - H. Taeuber - H. Thür (Hrsg.), Steine und Wege. Festschrift Dieter Knibbe, SoSchrÖAI 32 (1999) 1ff.
M. Hofbauer, Zum Theater von Ephesos. Eine kurze Darstellung der Grabungsgeschichte zwischen 1866 und 2001, ÖJh 71, 2002, 177 ff.
A. Öztürk - G. Styhler, Konservierung und Restaurierung im Theater von Ephesos, ÖJh 75, 2006 (in Druck).

Kontakt:
Friedrich Krinzinger
Mitarbeiter/innen:
Martin Hofbauer (ÖAI)
Arzu Öztürk (Mimar Sinan Üniversitesi, Istanbul)


Juni 2007