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DIE AUSGRABUNGEN IM BEREICH DER TETRAGONOS AGORA

Forschungsgeschichte

Der inschriftlich als Tetragonos Agora bezeichnete Marktplatz von Ephesos wurde zwischen 1901 und 1907 von Wilhelm Wilberg oberflächlich freigelegt, 1967 wurden vom Efes Müzesi Selçuk Teile der spätantiken Säulenarchitektur wieder aufgestellt. Tiefgrabungen unter Gerhard Langmann zwischen 1977 und 1986 erbrachten im Osten der Agora einen Ausschnitt aus einem spätarchaisch-klassischen Gräberfeld und im Westen Teile eines frühhellenistischen Magazingebäudes. 1987 trat Peter Scherrer als Grabungsassistent in das Agorateam ein, seit 1992 führt er die Ausgrabungen als verantwortlicher Projektleiter. Von 1987-1996 wurde schwerpunktmäßig unterhalb der hellenistischen, in vier Bauperioden aufschlüsselbaren Agoraanlage eine Dorfsiedlung des 8.-4. Jhs. v.Chr. untersucht, die mit dem in der antiken Literatur genannten Ort Smyrna identifiziert werden darf. Von 1997-2001 konzentrierten sich die Feldforschungen auf die Baugeschichte der in der beginnenden römischen Kaiserzeit neu errichteten und vergrößerten Agora bis zu ihrer endgültigen Verödung im 9. Jh. n.Chr. Derzeit konzentrieren sich die wissenschaftlichen Arbeiten auf die Publikation der Grabungsergebnisse.

Smyrna - eine subgeometrische bis klassische Siedlung

Zum Zeitpunkt der Ankunft der griechischen Kolonisten, im 1. Viertel des 1. Jahrtausends v. Chr., reichte eine Meeresbucht bis an den Westrand der späteren Agora. Im innersten Winkel dieser Bucht entwickelte sich direkt an der Küste seit der Mitte des 8. Jhs. die Dorfsiedlung Smyrna. Eine erste, kurzlebige Holzbauphase wurde schnell durch Bauten mit lehmgebundenen Steinsockeln abgelöst. Eines dieser ältesten Wohnhäuser besitzt einen ovalen Grundriss mit maximalen Innenweiten des Raumes von 6,4 x 4 m. Die erste Siedlungsperiode endete durch einen Flächenbrand noch vor der Mitte des 7. Jhs.; der Brand war möglicherweise durch den literarisch bezeugten Überfall der nomadisierenden Kimmerier verursacht worden. Im Folgenden entstanden entlang enger Gassen ein- bis dreiräumige Häuser von 12-30 m² Wohnfläche, die im 6. Jh. zu Großbauten mit Höfen und mehreren Raumfluchten bei Gebäudetiefen von bis zu 17 m umgewandelt wurden.

Der steigende Meeresspiegel dürfte der Grund für die Aufgabe des untersuchten Dorfareals als Siedlungsplatz in der Mitte des 6. Jhs. gewesen sein. Ein Töpferofen, ein Tiefbrunnen und mehrere in den Boden eingelassene Beckenanlagen bezeugen jedoch die Nutzung des Areals für gewerbliche Zwecke bis in das 4. Jh. Von dem im Abstand von 100 m östlich des Dorfes lokalisierten Gräberfeld entlang des Hanges des Panayirdag sind bisher nur Körperbestattungen des 6. bis 4. Jhs. bekannt, von den in der älteren Periode (8./7. Jh.) zu erwartenden Brandgräbern konnte noch kein Nachweis erbracht werden.

Die hellenistische Agora

Im zweiten Jahrzehnt des 3. Jhs. v.Chr. wurde die Siedlung im Zuge der Neugründung von Ephesos unter König Lysimachos geschleift, das Gelände terrassiert und der Handelsmarkt auf einem dem damaligen Grundwasserstand angepassten Terrain angelegt. Das Meer dürfte sich bereits etwas zurückgezogen haben, da schon damals eine vom Westtor der Agora nach Westen, wohl zum Hafen, führende Schotterstraße angelegt wurde. Der weitere Anstieg des Meeresspiegels (insgesamt ca. 1,5-2 m in den vergangenen 3000 Jahren) und damit auch des Grundwassers erforderte in den kommenden 1000 Jahren noch mehrmalige Höherlegungen der Agora und der nach Westen führenden Hauptstraße.

Die hellenistische Agora dürfte nach den bisherigen, nur im Westbereich großflächig durchgeführten Grabungen eine Grundfläche von etwa 70 × 100 m eingenommen haben, an deren Rändern im Laufe des 3. Jhs. nach und nach freistehende Magazin- und Hallenbauten errichtet wurden, bis zuletzt eine allseitig umlaufende, geschlossene Hallenarchitektur entstand.

Die Agora der römischen Kaiserzeit

Unter der Regierung des Kaisers Augustus, etwa um 20/10 v.Chr., wurde, gesponsert vom Verein römischer Kaufleute der Provinz Asia, ein völliger Neubau des Marktes in Angriff genommen, der eine quadratische Hoffläche von 111 m auf ca. 1,5 m höherem Niveau als der späthellenistische Bau aufwies. Die umlaufende zweistöckige und zweischiffige Stoaanlage besaß einschließlich der jeweils 23 hinter jeder Säulenhalle liegenden Kammern eine Breite von 17 m bei einer Außenlänge von 154 m. Zur einfacheren Anlieferung von Waren von der tiefer liegenden Hafenstraße her wurde unterhalb der Weststoa ein durchlaufender, über sechs Türen erschlossener Keller angelegt. Das verheerende Erdbeben des Jahres 23 n.Chr. vernichtete die noch unfertige Agora, nur die Mauerfundamente und das um 3 v.Chr. vollendete Südtor blieben bestehen.
Im Zuge des sofort einsetzenden Neubaus wurde das Gehniveau des triumphbogenartigen Südtores angehoben, um eine Barriere gegen die sich bei Regen bildenden Sturzbäche zu schaffen, die den Embolos (heute Kuretenstraße genannt) herabrannen bzw. sich in den unter dem Tor durchführenden Hauptkanalsträngen stauten. Eine über der Osthalle der Agora anstatt des Obergeschosses errichtete zweischiffige Halle dorischer Ordnung wurde unter Kaiser Nero, noch vor der Ermordung der Kaiserinmutter Agrippina (58 n.Chr.), eingeweiht; sie diente wahrscheinlich als auditorium, als Gerichtsbasilika. Die endgültige Fertigstellung des Baukomplexes mit der schlussendlichen Marmorvertäfelung der Wände dauerte aber noch bis in das beginnende 2. Jh. n.Chr. Bei gleichbleibendem Grundriss unterschied sich der Neubau nach 23 n.Chr. vom augusteischen Baukonzept vor allem in der Ausführung der Erdgeschosse der Hallen in ionischer Ordnung gegenüber der ursprünglichen dorischen Säulenstellung.

Die spätantike Agora

Die heute im Ruinenfeld sichtbare Anlage stammt in ihren aufgehenden Teilen im Wesentlichen aus dem späten 4. Jh. n.Chr., als auf den Fundamenten der frühen Kaiserzeit wiederum ein kompletter, abgesehen von der ebenfalls sanierten 'Neronischen Halle' nur noch eingeschossiger Neubau erfolgte. Dafür wurde fast ausschließlich wiederverwendetes Baumaterial erdbebenzerstörter oder aus ideologischen Gründen abgetragener Gebäude, vor allem von Anlagen des Kaiserkultes, verwendet.

Im 6. Jh. wurde dann die Nordstoa als zumindest zweigeschossiger Arkadenbau, wiederum aus Marmorspolien, gänzlich neu erbaut. Unter Aufgabe der hinter der Halle angeordneten Geschäfts- und Amtslokale wurde über deren ehemaliger Türwand im ganzen Bereich westlich des Nordtores eine massive, noch durch Strebepfeiler verstärkte Mauer hochgezogen, die als Abstützung eines künstlichen Hügels nördlich der Agora diente.
Im beginnenden 7. Jh. dürfte die Agora, die nunmehr außerhalb der neuen Stadtmauern lag, ihrer Funktion als Marktplatz verlustig gegangen sein und wurde möglicherweise in eine befestigte Kasernenanlage umgewidmet, ehe nach der Übersiedlung der Stadt auf den Ayasoluk im 9. Jh. der endgültige Verfall einsetzte.

Bildunterschriften
Abb. 1: Archaische Fikellura Amphora (© ÖAI)
Abb. 2: Attisch schwarz gefirnisster Becher (© ÖAI)
Abb. 3: Smyrna und hellenistische Hallen (© ÖAI)
Abb. 4: Rekonstruktion der römischen Agora (© ÖAI)
Abb. 5: Agora, Blick vom Panayırdağ nach Westen (© ÖAI)


Literatur
V. Gassner, Das Südtor der Tetragonos-Agora. Keramik und Kleinfunde. Mit Beiträgen von A. Hansel, S. Jäger, S. Jilek, H. Liko, P. Lindenbauer, K. Wölfl, FiE XIII 1, 1 (1997).
P. Scherrer - E. Trinkl, Die Tetragonos Agora in Ephesos. Grabungsergebnisse von archaischer bis in byzantinische Zeit - ein Überblick. Befunde und Funde klassischer Zeit. Mit Beiträgen von S. Fabrizii-Reuer, G. Forstenpointner, A. Galik, A. Giuliani, H. Mommsen, M. Kerschner, B. Kratzmüller, M. Lawall, A. Schwedt, F. Soykal-Alanyali, H. Taeuber, G. Weissengruber, FiE XIII 2 (2006) (mit ausführlicher Bibliographie).

Kontakt:
Peter Scherrer
ephesos@oeai.at
Verantwortliche Mitarbeiter an derzeit in Arbeit befindlichen Publikationen:
Maria Aurenhammer (Skulpturen)
Tamas Bezeczky (römische und spätantike Amphoren)
Barbara Czurda-Ruth (Glaswerkstätte des 6. Jhs. n.Chr.)
Gerhard Forstenpointner (Archäozoologie)
Anita Giuliani (Lampen)
Michael Kerschner (Funde archaischer Zeit)
Stefan Karwiese (Numismatik)
Sabine Ladstätter (spätantike Keramik)
Mark Lawall (hellenistische Amphoren)
Matthias Pfisterer (Numismatik)
Christine Rogl (hellenistische Keramik)
Nikolaus Schindel (Numismatik)
Martina Schätzschock (Glas allgemein)
Feristah Soykal-Alanyali (Terrakotten)
Elisabeth Trinkl (Funde klassischer Zeit)
Susanne Zabehlicky-Scheffenegger (römische Keramik)



Jänner 2009