DER DIGITALE STADTPLAN VON EPHESOS
Vorarbeiten und Zielsetzungen
Mit dem Beginn der österreichischen archäologischen Forschungen in Ephesos vor mehr als einhundert Jahren wurde die Stadt und ihre Umgebung kartographisch aufgenommen. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Arbeiten von Anton Schindler; er erstellte Karten im Maßstab 1:25.000 und 1:15.000 sowie einige Detailkarten. Die kleinstmaßstäbige (1:25.000) überdeckt ein Gebiet von ca. 16 × 11 km und ist als Dreifarbendruck mit Höhenschichtlinien (braun), Situation (schwarz), Gewässer (blau) und den antiken Monumenten (rot) ausgeführt. Diese zum Teil heute noch in Verwendung stehenden Karten dienten vielfach als Grundlage für weitere Stadtpläne, die mit dem Ziel, ein dem Stand der Technik entsprechendes Kartenmaterial zu erstellen, immer wieder in Angriff genommen wurden (W. Modrijan, P. Waldhäusl - H. König, F. Steiner, G. Wiplinger).
Mit den Vorarbeiten 1994 (terrestrische Netzmessung und Verdichtung des Festpunktfeldes) und 1995 (Schaffung eines einheitlichen homogenen Höhenbezuges) wurde 1996 die Erstellung eines digitalen Stadtplanes mit folgenden Zielsetzungen begonnen:
· Schaffung eines Bezugsrahmens, der es erlaubt, z. B. auch Wasserleitungen mit bis zu 43 km Länge einzubeziehen
· Verwendung und Einbindung der vorhandenen analogen Datenbestände (Grabungspläne, Bauaufnahmen etc.)
· Aufbau eines digitalen Datenbestandes mit Angaben zur jeweiligen geometrischen Qualität der Planinhalte
· Grundlagenerstellung für ein Geographisches Informationssystem (GIS)
· Grundlage für archäologische Stadtforschung
In den Messkampagnen 1996-1998 wurden jeweils mehrwöchige terrestrische Vermessungen durchgeführt.
In diesen wurden Passpunkte für die vorhandenen analogen Pläne und auch Neuaufnahmen gemessen. Eine zehntägige GPS-Kampagne 1997, mit von der Fa. R. & A. Rost dankenswerterweise zur Verfügung gestellter Ausrüstung und der Unterstützung durch die Firmenmitarbeiter Johann Berger und DI Erwin Truttmann, ermöglichte die Neufestlegung des geodätischen Datums und die Erweiterung des Festpunktfeldes.
Projektablauf
Grundlagen: Dem Projekt wurde ein neuer Koordinatenbezugsrahmen zugrunde gelegt. Mit GPS wurde ein Punkt (MK03) absolut in den internationalen Bezugsrahmen ITRF94 eingerechnet. In einem hybriden Netzausgleich von trigonometrischen Messungen, Nivellementmessungen und GPS-Beobachtungen wurde das geodätische Festpunktfeld neu berechnet. Der neue Bezugsrahmen (Ephesos Reference Frame 1998 - ERF98) ist nun durch das ITRF94 und das türkische Höhensystem festgelegt.
Geodätische Parameter:
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Abbildung: Gauss-Krueger
Ellipsoid: GRS80
Bezugsmeridian: 27° (östlich von Greenwich)
Koordinatenrahmen (Lage): ITRF94 zur Epoche 1993,0
Höhenbezug: türkische Landeshöhen mit konstantem Verschiebungsvektor (im Sinne von ERF98 nach ITRF94):
dX:= 25,952 m
dY:= 13,417 m
dZ:= 22,781 m
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Feldmessungen: Für den digitalen Plan wurden, soweit vorhanden, analoge Aufnahmen der Ausgrabungen unter Zuhilfenahme von geodätisch eingemessenen Passpunkten verwendet und Neuvermessungen durchgeführt.
Aufbereitung und digitale Bearbeitung der analogen archäologischen Pläne: Die analogen Pläne sind von unterschiedlichster Qualität (Erhaltungszustand, Vollständigkeit, geometrische Genauigkeit etc.) und in verschiedensten Maßstäben (1:20 bis 1:200). Nach Digitalisierung dieser Pläne mit AutoCad wurden die Daten mit einem Verfahren nach Hardy (Multiquadratische Interpolation) auf die geodätischen Passpunkte transformiert. Dadurch konnte ein hohes Maß an Nachbarschaftstreue der Zeichnungen erhalten und gleichzeitig eine Entzerrung und Einbindung in den Bezugsrahmen ERF98 erreicht werden.
GPS RTK-Aufnahme der hellenistischen Stadtmauer: Unter Lysimachos wurde vermutlich 294 v.Chr. begonnen, das Siedlungsgebiet mit einer ca. 10 km langen Mauer zu umschließen. Am Grat des Bülbüldağ, des südlicheren der beiden Stadtberge, ist diese hellenistische Stadtmauer noch heute in gutem Erhaltungszustand und weithin sichtbar. Sie weist hier - soweit noch erkennbar - 39 Türme und weitere drei auf einem nördlichen Vorberg liegend, auf. Von diesem für die Urbanistik wichtigen Bauwerk liegt bisher nur eine Karte im Maßstab von 1:15.000 mit einem entsprechenden Generalisierungsgrad vor. Als Grundlage für weiterführende urbanistische und bauforscherische Überlegungen wurde beschlossen, den Verlauf der Mauer und deren Türmen mit GPS zu vermessen.
Das GPS-Messsystem der Messkampagne 1999 bestand aus zwei Empfängern (Leica System 530) mit einer Funkverbindung; so konnte in Echtzeit (Real Time Kinematik - RTK) die Vermessung durchgeführt werden und die aktuell erzielbare Messgenauigkeit während der Vermessungsarbeit ständig kontrolliert werden. Da für Ephesos ein zum ITRF bzw. WGS84 in einer fixen Translation bestehender Koordinatenrahmen (ERF98) verwendet wird, können am Rover (beweglicher GPS-Empfänger) jederzeit die absoluten Koordinaten abgelesen werden.
Bildunterschriften
Abb. 1: GPS-Vermessung am Bülbüldağ
Abb. 2: Sog. Paulusgefängnis, digitaler Grundrissplan
Abb. 3: Sog. Paulusgefängnis, Ansicht
Literatur:
A. Schindler, FiE I (1906) 234-236 (zur Stadtmauer: A. Schindler (1896), ÖAI-Inv. Nr. 2010/1a).
J. Keil, ÖJh 15, 1912, Beibl. 183-196.
R. L. Hardy, Geodetic applications of multiquadric analysis, Allgemeine Vermessungsnachrichten 79, 1972, 398-406.
St. Klotz, ÖJh 67, 1998, Beibl. 37.
Ü. Öziş - A. Atalay, Fernwasserleitungen in Ephesos, in: F. Krinzinger - H. Friesinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995 (1999) 405-410.
Th. Marksteiner, Bemerkungen zum hellenistischen Stadtmauerring von Ephesos, in: F. Krinzinger - H. Friesinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995 (1999) 413-419.
Kontakt:
Christian Kurtze
Mai 2007