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DAS PRYTANEION VON EPHESOS

Seit seiner Entdeckung im Jahr 1955 stehen das Prytaneion von Ephesos, sein Aussehen, seine Funktion und seine Beziehung zum benachbarten Regierungsviertel im Interesse der ephesischen Forschungen. Da das Gebäude und sein stratigraphischer Befund nach der Ausgrabung nicht vollständig ausgewertet werden konnten, blieben die einzelnen Bauphasen, der architektonische Aufbau und die Nachnutzung des Areals in weiten Bereichen ungeklärt.

Die neu konzipierten Forschungen am Prytaneion sollten unter Berücksichtigung der Resultate der Altgrabungen eine grundlegende Analyse des architektonischen Befundes samt seiner Ausstattung beinhalten. Die Bauforschung sollte dabei durch eine tiefgreifende archäologische Untersuchung der Anlage, welche die einzelnen Bau- und Nachnutzungsphasen definieren und einen möglichen Vorgängerbau bestimmen sollte, unterstützt werden. Neben diesen Arbeiten galt es, das Gebäude einer kulturhistorischen Analyse zu unterziehen, die seine architektonische und funktionale Verbindung zum angrenzenden Regierungsviertel beleuchten sollte, sowie anhand von Vergleichsstudien mit anderen kleinasiatischen Prytaneia spezifische Charakteristika dieses Gebäudetypus zu eruieren. Finanziert wurden diese am ÖAI beheimateten Forschungen durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projektnr. P19257-G02).

Der Bau wurde im Zuge der Ausgrabungen von F. Miltner im Jahr 1955 entdeckt und nach einer weitgehenden Freilegung des Gebäudes bis auf das jeweils jüngste erhaltene Bodenniveau im Jahr 1956 von dem Ausgräber als Prytaneion, als Amtssitz des Prytanen und zentrales städtisches Kultgebäude, identifiziert. Neben dieser heute weitgehend akzeptierten Identifizierung konnte Miltner bereits mehrere Bauphasen unterscheiden. Trotz weiterer Untersuchungen in den frühen 1960er Jahren unter der Leitung von W. Alzinger, der zahlreiche Sondagen unter Bodenniveau anlegte, blieb das Gebäude bis auf Vorberichte unpubliziert. Nachuntersuchungen durch das Efes Müzesi Selçuk in den frühen 1990er Jahren erbrachten keine abschließende monographische Vorlage: Im Gegensatz zu der ausführlichen Publikation der zahlreichen Inschriften des Prytaneions durch D. Knibbe (FiE IX 1, 1 [1981]) lagen Baubefund und archäologische Auswertung bei Beginn des Projekts somit nicht vor.

Das 1.170 m² große, in augusteischer Zeit errichtete Prytaneion in Ephesos besitzt einen klar akzentuierten Grundriss, der erst in spätantiker Zeit komplex überformt wird. Die sich im Norden des Gebäudes befindlichen Raumeinheiten konnten über eine ca. 18 × 22 m große, ionische Triporticus im Süden (Vorhof) und eine nördlich anschließende, quergelagerte ca. 7 × 22 m große dorische Stoa (Vorhalle), deren Säulen in den 1960er Jahren teilweise wieder aufgestellt wurden, erschlossen werden. Über die Vorhalle gelangte man in den im Osten befindlichen, ca. 13,50 × 13,50 m großen 'Hestiasaal' (Raum 1) sowie in den später abgemauerten, ursprünglich aber ca. 13,50 × 4 m großen Querraum nördlich davon (Räume 2, 3 und 4). Westlich des 'Hestiasaales' befanden sich ursprünglich zwei Räume, wobei der südliche Raum 6 ca. 8 × 6,50 m und der nördliche Raum 5 ca. 9 × 6,50 m misst. Der nördliche Teil von Raum 5 wurde in der Spätantike in zwei kleinere Raumkompartimente unterteilt (Raum 5A und 5B). Durch zahlreiches epigraphisches Material als Heiligtum der Hestia Boulaia ausgewiesen, handelt es sich bei der ephesischen Anlage um eines der wenigen unzweifelhaft als Prytaneion zu deutenden Bauwerke der antiken griechischen und römischen Welt. Diese Interpretation wird durch die urbanistische Einbindung des Gebäudes, und zwar seine Lage am 'Staatsmarkt', dem politischen Zentrum der Stadt, sowie durch die unmittelbare Nähe zu dem in nächster Umgebung liegenden Bouleuterion gestützt. Zu den Hauptfunktionen des Prytaneions zählen die Beheimatung des Herdes der Hestia und des Amtslokals der Prytanen sowie die Veranstaltung der ehrenvollen Speisungen verdienter Bürger auf Staatskosten. Die Funktionsanalyse der einzelnen Räume des Prytaneions in Ephesos zeigt aber, dass das Gebäude neben den einem Prytaneion immanenten Hauptfunktionen zahlreiche andere Aufgaben übernahm:
So waren neben dem Kult für Hestia Boulaia zahlreiche weitere Kulte im Prytaneion untergebracht. Zu nennen sind Demeter Karpophoros und ihre Tochter Kore, Sosipolis, Apollon Klarios, Apollon Manteios, Theos Kinnaios, Tyche und das personifizierte heilige Feuer. Sie alle demonstrieren die eminente kultische und religiöse Bedeutung des Gebäudes, die sich vor allem ab dem frühen 2. Jh. n. Chr. durch die Einführung dieser neuen Kulte verstärkte. Neben dem Hauptkult für Hestia Boulaia und den genannten sekundären Kulten scheint das ephesische Prytaneion als Dependance des Artemisions fungiert zu haben, worauf die übergeordnete Bedeutung und Präsenz der Artemis Ephesia im Gebäude hindeuten.
Nach mehreren kleineren Reparaturen und einem großen Umbau in der Mitte des 3. Jhs. wird das Gebäude im 4. Jh. aufgegeben und das Baumaterial sukzessive abgetragen und etwa am unteren Embolos (in der sog. Kuretenhalle) oder in der Scholastikiatherme verbaut. Ab dem 5./6. Jh. wird das Areal nördlich des 'Staatsmarktes' wohl als Handwerksviertel mit einfacher Wohnbebauung weiter genutzt. Von dieser Periode zeugen die byzantinische Überbauung des Prytaneions und insbesondere die Einrichtung eines Wasserreservoirs in den Räumen 3 und 4; dieses Reservoir stand bis in die Mitte des 7. Jhs. in Betrieb.

Die Neuaufnahme der Erforschung des Prytaneions ab Januar 2007 widmete sich einem Desiderat der ephesischen Forschungsgeschichte und konzentrierte sich auf eines der wichtigsten Gebäude im administrativen Zentrum der Stadt in einem Gebiet, in dem grundsätzliche topographische und chronologische Fragen noch immer ungeklärt sind. Die abschließenden Ergebnisse dieses Projekts bereichern unser Wissen in diesen Fragen entscheidend und sind ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis urbanistischer, bau- und kulturhistorischer Prozesse im Stadtgebiet von Ephesos.

Bildunterschriften
1: Prytaneion von Süden (© ÖAI)
2: Herzförmige Innenecksäule. Detail (© ÖAI)
3: Hauptraum von Süden (© ÖAI)
4: Liste mit Kultpersonal auf dorischer Säule im Peristyl (© ÖAI)
5: Römische Kopie der Kultstatue der Artemis Ephesia (Schöne Artemis) (© ÖAI)

Literatur:
F. Miltner, XXI. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 43, 1956-58, Beibl. 27-36.
F. Miltner, XXII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 44, 1959, Beibl. 289-312.
F. Eichler, Die österreichischen Ausgrabungen in Ephesos im Jahre 1960, AnzWien 98, 1961, 65-69.
F. Eichler, Die österreichischen Ausgrabungen in Ephesos im Jahre 1961, AnzWien 99, 1962, 37-40.
F. Eichler, Die österreichischen Ausgrabungen in Ephesos im Jahre 1962, AnzWien 100, 1963, 45-46.
F. Eichler, Die österreichischen Ausgrabungen in Ephesos im Jahre 1963, AnzWien 101, 1964, 40-41.
RE Suppl. XII (1970) 1646-1648 s. v. Ephesos: B. Archäologischer Teil (W. Alzinger).
W. Alzinger, Grabungen in Ephesos von 1960-1969 bzw. 1970. Das Regierungsviertel, ÖJh 50, 1972-75, Beibl. 229-300.
W. Alzinger, Augusteische Architektur in Ephesos, SoSchrÖAI 16 (1974) 51-57.
S. G. Miller, The Prytaneion, its Function and Architectural Form (1978) 98-109.
D. Knibbe, Der Staatsmarkt. Die Inschriften des Prytaneions, FiE IX 1, 1 (1981).
A. Bammer, Zur Dekonstruktion römischer Architektur. Studien zur Architektur im Nordbereich der sog. Oberen Agora von Ephesos, Anatolia Antiqua 16, 2008, 165-180.
M. Steskal, Konstruktionszeichnungen zweier Voluten aus dem Prytaneion in Ephesos, ÖJh 76, 2007, 371-392.
M. Steskal, Rituelle Bestattungen im Prytaneion von Ephesos? Zu den Fundumständen der Artemis Ephesia-Statuen, ÖJh 77, 2008, 363-373.
M. Steskal - S. Ladstätter, Efes Prytaneion'u. Metropolis Asiae'nin ana kült yapisindaki son arastirmalar, Anadolu/Anatolia (in Druck).
M. Steskal, Das Prytaneion in Ephesos, FiE IX 4 (in Druck).

Kontakt:
Martin Steskal



April 2010