DAS OKTOGON IN EPHESOS
Das Oktogon befindet sich an der Südseite der unteren Kuretenstraße und ist ein Grabmonument, das in antiker Zeit zusammen mit mehreren Ehrenmonumenten diesen Bereich der Straße säumte. Über dem quadratischen Grundriss erhebt sich ein Sockelbau, der mit Orthostaten ummantelt war und in dessen Kern sich die Grabkammer befand. Auf dem Sockel erhob sich das achteckige Hauptgeschoss: Eine massive Cella war von acht kannelierten Säulen mit korinthischen Kapitellen umstanden. Das Gebälk setzte sich aus einem Dreifascienarchitrav und einem Palmettenfries zusammen; darüber saß ein Konsolgesims, dessen Konsolen abwechselnd von Greifen und Akanthusblättern getragen wurden. Den Abschluss bildete ein steiles, achtseitiges Pyramidendach mit einer großen, bekrönenden Kugel.

Heute befindet sich lediglich der quadratische Sockelbau in situ an der Kuretenstraße. Der überwiegende Teil der erhaltenen Architekturelemente wurde auf einem Steinauslegeplatz südlich der Celsusbibliothek gesammelt. Die Bauteile eines Joches sind heute im Ephesos Museum in Wien ausgestellt.
Das Monument wurde 1904 unter der Leitung von R. Heberdey ausgegraben. Im Grabungsbericht erwähnt Heberdey (R. Heberdey, ÖJh 8, 1905, Beibl. 70 ff.) den Bau, seine oktogonale Form und "mancherlei Besonderheiten". Er deutet ihn vorerst als Siegesmonument, ähnlich dem Rundbau auf dem Panayirdag.


In der näheren Umgebung des Sockels wurden zahlreiche weitere Bauteile freigelegt, die dem Monument zugeordnet werden konnten. Die Orthostatenplatten, auf denen zwei Kaisererlässe des 4. Jhs. n. Chr. (Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien 11, 1 [1979] = IvE 42. 43) veröffentlicht sind, wurden im Anschluss an ihre Freilegung in ihre aus der Fundlage sowie aus dem Steinschnitt der Eckblöcke und den Inschrifttexten zu rekonstruierenden Positionen am Sockel wieder versetzt. 1926 führte M. Theuer eine Nachuntersuchung des Sockels durch, um die Frage nach der Bestimmung des Gebäudes zu klären. Dabei trat eine tonnengewölbte Grabkammer mit einem schlichten Marmorsarkophag zutage, in dem eine beigabenlose Bestattung lag (J. Keil, ÖJh 26, 1930, Beibl. 44).
Der Grabungsarchitekt W. Wilberg fertigte nach der Freilegung (heute verschollene) Steinaufnahmen, eine zeichnerische Rekonstruktion und eine Beschreibung des Bauwerkes an, die lange unpubliziert blieben.
Eine ausführlichere Analyse und Einordnung unternahm erst W. Alzinger, der den Bau mit der Baubeschreibung W. Wilbergs und dem von M. Theuer gefertigten Schnitt vorstellte (W. Alzinger, Augusteische Architektur in Ephesos, SoSchrÖAI 16 [1974] 40-43 Abb. 27-31).
Zwar fand der Bau mehrfach Erwähnung in unterschiedlichen Publikationen, eine systematische steingerechte Rekonstruktion sowie die detaillierte Untersuchung des Baubefunds blieben aber über viele Jahrzehnte aus.
Nachforschungen zur Grabinhaberschaft dieses prominent gelegenen Sepulkralbaus stellte H. Thür an, die Arsinoe IV, Schwester der berühmten Kleopatra und in deren Auftrag 41 v. in Ephesos ermordet, als Grabinhaberin erkennen möchte (H. Thür, ÖJh 60, 1990, 43-56).
Im Zuge archäologischer Nachuntersuchungen wurde 1993 und 1999 zwischen der Oktogon-Südseite und den Tabernen gegraben. Die Bewertung des Fundmaterials aus diesen Grabungen durch A. Waldner ergab ein Ende der Bauarbeiten an der unfertigen Rückseite des Oktogons um ca. 20 v. Chr.
Gegenstand des aktuellen Projektes sind die detaillierte Aufnahme aller Bauteile, die nach derzeitigem Wissensstand dem Monument zugeordnet werden konnten, sowie die steingerechte Rekonstruktion des in weiten Teilen erhaltenen Gebäudes, das wohl bis in die Spätantike hinein das Bild der unteren Kuretenstraße erheblich mitbestimmte. Vor allem aber werden im Rahmen des Projekts Überlegungen zur Präsentation des Monuments im heutigen Ruinengelände angestellt. Aufgrund des prominenten Standortes und der Vielzahl der erhaltenen Bauteile wird auch ein Wiederaufbau in Form einer Anastylose in Betracht gezogen. Im Zuge der gegenwärtigen Arbeiten sollen ein Restaurierungskonzept sowie die planerischen Grundlagen für einen Wiederaufbau des Gebäudes geschaffen werden.
Bei der Vermessung des Sockelbaus und der Aufnahme der über 170 aus dem Verband geratenen Bauteile kamen modernste 3-D-Vermessungssysteme zum Einsatz. Für Übersichtsscans, wie etwa der in situ befindlichen Reste an der Kuretenstraße oder der wieder zusammengefügten Bauteile im Ephesos Museum in Wien, wurde der Laserscanner LMS-Z 420i der Firma RIEGL-Laser-Measurements-Systems eingesetzt, der einen vergleichsweise großen Messbereich abdeckt. Detailliertere Messergebnisse liefert das vom Fraunhofer-Institut in München entwickelte Streifenlichtprojektionssystem PT-M 1024 in Verbindung mit der Software QT-Sculptor. Dieses Gerät konnte dank der Zusammenarbeit mit dem Institut für Bauforschung und Denkmalpflege, Fachgebiet Baugeschichte und Bauforschung der Technischen Universität Wien zur Aufnahme der kleineren Architekturteile sowie zur Verdichtung der Messdaten der größeren Objekte herangezogen werden. Die Vermessungsarbeiten konnten zum überwiegenden Teil bereits in der Kampagne 2007 abgeschlossen werden.

Output beider Vermessungssysteme sind Punktdaten, sog. Punktwolken, welche in mehreren Schritten der Nachbereitung zu geschlossenen Oberflächenmodellen weiterverarbeitet wurden. Die dreidimensionalen Modelle der Bauteile boten nun die Möglichkeit, die steingerechte Rekonstruktion des Oktogons im virtuellen Raum umzusetzen. Unterschiedliche Kombinationen konnten so probiert werden, um alle Bauteile Schritt für Schritt ihrer ursprünglichen Position im Gebäudeverband zuzuordnen.
Nach Abschluss dieser Arbeiten stellt das dreidimensionale Modell einerseits sämtliche Informationen bereit, um Grundrisse der einzelnen Schichten, Schnitte und in der Folge Ausführungspläne inklusive notwendiger Ergänzungen und technischer Verbindungen für die Präsentation der Ruine erstellen zu können. Weiters schafft der virtuelle Raum einen probaten Rahmen, um einen Wiederaufbau in unterschiedlichem Umfang von beliebigen Blickwinkeln aus darzustellen und die optische Wirkung auf den Standort zu simulieren.
Parallel zu den Vermessungs- und Visualisierungarbeiten werden sämtliche Komponenten des Gebäudes von Restauratoren hinsichtlich ihrer Wiederversetzbarkeit untersucht. Die Reinigung der noch vorhandenen Bausubstanz und deren Schutz vor weiterem Verfall stehen hier im Vordergrund.
Bildunterschriften
Abb. 1: Ansicht, Schnitt und Grundriss nach W. Wilberg und M. Theuer (© ÖAI)
Abb. 2: Der heutige Zustand des Sockelbaus an der unteren Kuretenstraße (B. Thuswaldner)
Abb. 3: Steinauslegeplatz südlich der Celsusbibliothek (B. Thuswaldner)
Abb. 4. 5: Das Oktogon nach der Freilegung 1904 (© ÖAI)
Abb. 6: Nachbearbeitungsschritte von der Punktwolke zum geschlossenen Oberflächenmodell (B. Thuswaldner - R. Kalasek)
Abb. 7: Die virtuelle Anastylose des Oktogons (B. Thuswaldner - R. Kalasek)
Abb. 8: 3-D-Modell der Gesamtsituation an der unteren Kuretenstraße (B. Thuswaldner - R. Kalasek)
Literatur (Auswahl):
S. Ladstätter (Hrsg.), Neue Forschungen zur Kuretenstraße von Ephesos. Akten des Symposions für Hilke Thür vom 13. Dezember 2006 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, DenkschrWien = AForsch (in Druck, 2009).
B. Thuswaldner - S. Flöry - R. Kalasek - M. Hofer - Q.-X. Huang - H. Thür, Digital Anastylosis of the Octagon in Ephesus, Association for Computing Machinery (ACM) Journal on Computing and Cultural Heritage (in Druck).
B. Thuswaldner - R. Kalasek, The Virtual Anastylosis of the Octagon in Ephesus, in: J. Al-Qawasmi - M. A. Chiuini - S. El Hakim, Digital Media and its Applications in Cultural Heritage (DMACH) 4, 2008, 95-113.
S. Cormack, The Space of Death in Roman Asia Minor (2004).
C. Berns, Untersuchungen zu den Grabbauten der frühen Kaiserzeit in Kleinasien, Asia Minor Studien 51 (2003).
I. Kader, Heroa und Memorialbauten, in: M. Wörrle - P. Zanker (Hrsg.), Stadtbild und Bürgerbild im Hellenismus, Vestigia 47 (1995) 199-229.
F. Rumscheid, Untersuchungen zur kleinasiatischen Bauornamentik im Hellenismus (1994) I 160 ff.; II 19 Kat. 48.
H. Thür, Arsinoe IV, eine Schwester Kleopatras VII, Grabinhaberin des Oktogons in Ephesos? Ein Vorschlag, ÖJh 60, 1990, 43-56.
W. Oberleitner - K. Gschwantler - A. Bernhard-Walcher - A. Bammer, Funde aus Ephesos und Samothrake, Katalog der Antikensammlung II. Kunsthistorisches Museum Wien (1978) 95-98.
W. Alzinger, Augusteische Architektur in Ephesos, SoSchrÖAI 16 (1974) 40-42.
J. Keil, XV. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 26, 1930, Beibl. 41 ff.
R. Heberdey, VII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 8, 1905, Beibl. 70-72.
Projektträger: ÖAI/Grabung Ephesos
Finanzierung: Gesellschaft der Freunde von Ephesos
Koordination und wissenschaftliche Bearbeitung: Barbara Thuswaldner
3-D-Visualisierung: Robert Kalasek
Schadensbefundung und Restaurierung: Martin Pliessnig
Schadensbefundung und Steinmetzarbeiten: Tilman Borsdorf
Wissenschaftliche Beratung: Hilke Thür, Marina Döring-Williams
Wissenschaftliche Expertengruppe: Martin Bachmann (DAI Istanbul), Thomas Käfer (Aphrodisias-Grabung, New York University), Gerhard Paul (Aphrodisias-Grabung, New York University), Klaus Nohlen (FAB, FH Wiesbaden), Ebru Torun (Sagalassos-Grabung, Katholieke Universiteit Leuven)
Kontakt:
Barbara Thuswaldner
Mai 2009