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DIE MARIENKIRCHE IN EPHESOS

Von 1986-1997 wurde die berühmte ephesische Marienkirche, die schon in den 1920er Jahren freigelegt worden war, mit modernen archäologischen Methoden neu untersucht. Die Ergebnisse, die dabei gewonnen werden konnten, haben das Bild modifiziert, ja sogar revolutioniert. Zurzeit laufen die Vorbereitungen für die umfangreiche Publikation, die auch den bauhistorischen, keramischen und anthropologischen Befund prominent berücksichtigt.

Vorläufig lassen sich folgende Bau- und Nutzungsphasen unterscheiden:
Phase 1: Olympieion-Südstoa. Von besonderer Bedeutung war die Erkenntnis, dass Marienkirche und zugehöriger Bischofspalast in die 263 m lange, dreischiffige Südhalle des Olympieions, des hadrianischen Kaiserkultbezirkes, eingebaut sind. Das Zentrum dieser Halle wird durch den vor dem südlichen Apsidenort noch in situ stehenden Marmorpfeiler markiert. Die Außenmauern waren hier anscheinend durch eine offene Pfeilerstellung unterbrochen. Aus den Straten zur hadrianischen Halle liegen keramische Befunde aus dem 1. und 2. Jh. n.Chr. vor, die sich gut in den lokalen Rahmen einfügen lassen.
Phase 2: Das Konzil von 431. Die Verbreiterung des Mittelschiffs der kaiserzeitlichen Halle in diesem Bereich, der Einbau eines offenen, 6 m weiten Halbrundes mit einem Altar davor, also eines Presbyterions, allerdings noch ohne Abschlussapsis, lässt sich aufgrund der Funde in das 5. Jh. n.Chr. datieren, wobei die Münzen mit einem Rahmen von 364-426 sogar knapp an das Konzil heranführen. Somit kann festgestellt werden, dass man hier tatsächlich für das Konzil mit einem Bau begonnen hatte, den man - dem archäologischen Befund nach - allerdings nach erfolgtem Konzil wieder aufgab.
Phase 3: Die Säulenkirche. In Fortsetzung der Phase 2 wurden die große Ost-Apsis errichtet und die offenen Außenmauern mit Kalksteinquadern geschlossen. Vor der marmorverkleideten Apsis wurde das Halbrund belassen, im erweiterten Presbyterion legte man einen zweifarbigen opus-sectile-Boden in komplizierten Kreis-Stern-Muster aus. So war eine monumentale Kirche geschaffen, die sehr wohl als Kathedrale geeignet war. Die Datierung dieser Phase wurde neuerlich aus Münzfunden gewonnen, die den Rahmen 429-491 ergeben. Das besagt, dass die reguläre Marienkirche, die wenig später unter dem kanonisch richtigen Namen der 'heiligsten Kirche der allerheiligen, hochehrwürdigen und ewig jungfräulichen Maria' entgegentritt, erst um 500 errichtet worden sein kann. In der Osthälfte der ehemaligen Halle wurde das Episkopeion (Bischofspalast) um einen Zentralhof angelegt.
Phase 4: Liturgische Veränderung. Wenig später wurde das Halbrund der Phase 1 durch eine 11 m weite Priesterbank ersetzt. Im Scheitel der Apsis stand jetzt ein marmorner Tischaltar dergestalt, dass der Zelebrant nur nach Osten gewendet stehen konnte. Der Boden wurde mit rot-weißen Marmor-Karos ausgelegt.
Phase 5: Kuppel- und Pfeilerkirche. Der gewaltige Umbau, der als nächstes eine vollkommene Veränderung des Komplexes herbeiführte, war gewiss die Folge eines Erdbebens, bei dem die Säulenkirche einstürzte. Jetzt errichtete man im Bereich vor der Apsis anstelle der Säulen fest gemauerte Pfeiler und baute den Westteil aus massivem Ziegelwerk als tonnenüberwölbte Kuppelkirche mit eigener Apsis auf. Die Gräber, die vor allem in dem narthexähnlichen Raum zwischen den beiden Trakten angetroffen wurden, werden frühestens ab dieser Phase angelegt worden sein.
Phase 6: Ambo-Kirche. Wohl noch im 6. Jh. wurde das Presbyterion vor der Ostapsis ein weiteres Mal verändert, indem man eine neue Priesterbank errichtete, die den Tischaltar der Phase 4 überbaute. Außerdem kam es erst jetzt zum Einbau eines Ambo (Kanzel). Die Aufarbeitung der zwar wenig Material umfassenden, aber geschlossenen und münzdatierten Kontexte aus der Marienkirche lassen in Zusammenschau mit Befunden aus dem ephesischen Stadion eine bessere chronologische Einordbarkeit spätantiker Keramik der Stadt Ephesos erwarten.
Phase 7: Restkirche. Nach dem Befund im Episkopeion war dieses mit größter Wahrscheinlichkeit infolge des Araber-Überfalls von 654/655 verlassen worden. Durch die damit verbundene Übersiedlung nach Haghios Theologos (Selçuk) musste auch die Bedeutung der Marienkirche als Metropolis enden. So wurde in einer letzten Veränderung des Osttraktes durch Vermauern der Pfeiler-Zwischenräume der Phase 5 die Kirche auf das Mittelschiff reduziert. In diesem Zusammenhang besonders interessant ist ein Geschirrkomplex aus einer Kanalfüllung der 1. Hälfte des 7. Jhs.
In dieser Form hat die Marienkirche noch mindestens bis ins 11. Jh. als Friedhofskirche gedient, um schließlich - nach dem Einsturz vor allem des Kuppeltraktes - im Spätmittelalter nur noch frommes Pilgerziel und Bezugspunkt eines außerhalb entstehenden Friedhofes zu sein, wie Reste glasierter Keramik sowie Glas und Bronzen aus den Gräbern belegen.
Bis 1994 wurden die Funde von Danica Beyll bearbeitet. Die laufende Bearbeitung der Funde (die wie die bisherige durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und die Schweizer Stiftung 'Für Ephesus' finanziert wird) obliegt Petra Turnovsky.

Bildunterschriften
Abb. 1: Ephesos, Marienkirche (ÖAI II 1335)
Abb. 2: Ephesos, Marienkirche, der Bau im Konzilsjahr 431
Abb. 3: Ephesos, Marienkirche, Kuppel- und Pfeilerkirche des 6. Jhs.
Abb. 4: Ephesos, Marienkirche, Geschirrkomplex aus einer Kanalfüllung der 1. Hälfte des 7. Jhs.

Literatur:
D. Beyll, Terra sigillata aus der Marienkirche in Ephesos, 1. Zwischenbericht, BerMatÖAI 5 (1993) 5-45.
St. Karwiese, Die Marienkirche in Ephesos. Erster vorläufiger Gesamtbericht über die Wiederaufnahme der archäologischen Untersuchung 1984-1986, DenkschrWien 200 (1989).
Jährliche Grabungsberichte in den ÖJh.

Kontakt:
Stefan Karwiese
ephesos@oeai.at
Mitarbeiterinnen:
Angelica Degasperi (byzantinische Architektur)
Petra Turnovsky (Keramik)


Jänner 2009