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FORSCHUNGEN IN LOUSOI - GRIECHENLAND
Das antike Lousoi (Provinz Achaia, Peloponnes) befindet sich an den Hängen des bei Kalavrita liegenden Hochtales von Sudena auf etwa 1.200 m Seehöhe und war in der Antike der Landschaft Arkadien zugeordnet.
Nach der Entdeckung des Heiligtums der Artemis Hemera in Lousoi durch W. Dörpfeld und A. Wilhelm im Jahre 1897 führte die Zweigstelle Athen des ÖAI in den Jahren 1898 und 1899 über drei Kampagnen unter der Leitung von W. Reichel und A. Wilhelm ihre erste Grabung durch.
In dem sich auf zwei Geländeterrassen entwickelnden Heiligtum wurden die Fundamente zahlreicher Gebäude weitgehend freigelegt, welche die nötige Infrastruktur eines kleinen ländlichen Heiligtums des 3. Jhs. v.Chr. beispielhaft belegen. Die südliche, höher gelegene Terrasse nimmt mit dem Artemistempel den zentralen Bau des Heiligtums auf, auf dessen merkwürdigen Grundriss mit Naos und seitlich angeschlossenen Hallen bereits die Ausgräber hinweisen. Die Bebauung auf der nördlichen, etwas tiefer gelegenen Terrasse begleitet den Weg zum Heiligtum und umfasst nach der Interpretation der Ausgräber ein Brunnenhaus, ein Propylon (Torbau) und ein Bouleuterion (Versammlungsbau). Die rasch durchgeführte Publikation der Baubefunde sowie die Vorlage des Fundmaterials, welches neben Baugliedern und Dachterrakotten des Tempels vor allem Votivgaben in Verbindung mit dem Artemiskult umfasst, stellen bis heute die Grundlage zu den Forschungen im Heiligtum dar.
Im Rahmen der unter der Leitung von V. Mitsopoulos-Leon 1980 wiederaufgenommen und bis heute andauernden Grabungen erfolgte zunächst eine Aufnahme des im Gelände sichtbaren Baubestandes des weitläufigen Siedlungsgebietes (F. Glaser). In der Folge konzentrierten sich die systematischen Feldforschungen auf Grabungen im Artemisheiligtum und auf die Freilegung von Wohnhäusern im Bereich Phournoi sowie auf die Vermessung von Resten der öffentlichen Verbauung im Bereich Stadion.
Im Heiligtum erschließt das aus ungestörten Schichtzusammenhängen geborgene Fundmaterial die Frühzeit des Artemiskultes. Aus der Analyse des breiten Spektrums an Votivgaben wie Bronzeschmuck, figürliche Kleinbronzen und Terrakotten, Blei- und Beinvotiven (V. Mitsopoulos-Leon, Ch. Schauer), Kultpyxiden und Miniaturgefäßen (Ch. Schauer) ist diesem Heiligtum für die spätgeometrische und archaische Zeit vor dem Hintergrund vergleichbarer Kultorte ein bedeutender überregionaler Stellenwert zuzuordnen. Die Auffindung des sog. Ostbaus erweitert das Bild der architektonische Gestaltung der Tempelterrasse und lässt vermutlich einen Vorgängerbau aus dem 4. Jh. v.Chr. erkennen. Die vollständige Freilegung des Tempelfundamentes und die Untersuchung der Bauglieder ermöglichen über weite Strecken die Rekonstruktion und Einordnung dieses Gebäudes aus der Wende vom 4. zum 3. Jh. v.Chr. Der Bau, welcher an der Front und in der Cella über eine Ordnungsarchitektur aus Marmor verfügt, gliedert sich von Beginn an in einen Naos, bestehend aus Pronaos, Cella und Adyton, und in seitliche, basilikal anbindende Hallen und erweist sich nach wie vor als singuläre Lösung für einen Sakralbau (G. Ladstätter).
Mit den im Flurbereich Phournoi freigelegten Resten mehrerer Hausanlagen, die sich über zwei Geländeterrassen ausbreiten, konnte die hellenistische Wohnkultur von Lousoi erschlossen werden. Wenn auch das östliche Peristylhaus, welches vermutlich einen oder mehrere Vorgängerbauten adaptiert, und das westliche einfachere Haus keine kanonische Grundrissaufteilung wiedergeben, so verweist das Rauminventar mit Klinen, Badewannen und Herdanlagen
auf ein vergleichsweise hohes Niveau. An die Wohnbereiche angeschlossene Beckenanlagen zur Weinproduktion, Hinweise auf Verarbeitung von Knochen und auf Keramikproduktion sowie Vorratsräume belegen vorwiegend agrarische Ressourcen als ökonomische Grundlage der Lousioten. Aus einer mehrere Mauerzüge umfassenden Bebauung, welche über der in einem Zug erfolgten Zerstörung der Häuser nach der Zeitenwende zu fassen ist, lässt sich eine Nutzung des Areals bis in die späte Kaiserzeit ablesen.
Die vorläufigen Ergebnisse eines Vermessungssurveys im Bereich Stadion weisen auf eine öffentliche monumentale Verbauung in diesem Areal. Die Fundamente einer zweischiffigen Halle, weitere in grundrisslichem Verband geortete Mauerzüge sowie großformatige Werkstücke in Form von Steinquadern legen nahe, an dieser Stelle die Reste einer hellenistischen Platzanlage zu erkennen.
Über diese Forschungen können mit der Entwicklung des Heiligtums ab dem späten 8. Jh. v.Chr., mit der flächennutzenden Verbauung im Rahmen eines städtischen Siedlungswesens im Hellenismus und in der ausklingenden Nutzung der Siedlung in der späten römischen Kaiserzeit wesentliche Stufen der siedlungsgeschichtlichen Entwicklung von Lousoi gefasst werden.
Die Gebäudefundamente des Artemisheiligtums und die Grundrisse der Häuser sind in eindrucksvoller Lage hoch über der Talsohle sichtbar. Bis zur Realisierung eines Museums vor Ort werden die wichtigsten Fundstücke in der Ephorie in Patras aufbewahrt.
Literatur:
Regelmäßige Berichte in den Jahresheften des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien (ÖJh).
W. Reichel - A. Wilhelm, Das Heiligtum der Artemis zu Lusoi, ÖJh 4, 1901, 1 ff.
V. Mitsopoulos-Leon - Ch. Schauer, Literaturübersicht zu den Grabungen des Österreichischen Archäologischen Instituts (Elis, Aigeira, Lousoi), in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Hundert Jahre Österreichisches Archäologisches Institut 1898-1998 (1998) 83 ff.
V. Mitsopoulos-Leon, Lousoi, in: 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut 1898-1998, SoSchrÖAI 31 (1998) 186-188.
V. Mitsopoulos-Leon, Lousoi nach hundert Jahren, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier '100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen', Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 131-142.
G. Ladstätter, Der Artemistempel von Lousoi, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier '100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen', Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 143-153.
Ch. Schauer, Zur frühen Keramik aus dem Artemisheiligtum von Lousoi, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier '100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen', Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 155-159.
Ch. Rogl, Hellenistische Reliefbecher aus den österreichischen Grabungen im Stadtgebiet von Lousoi: zur Frage der Importe und der Lokalproduktion, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier '100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen', Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 161-167.
G. Forstenpointner - Martin Hofer, Geschöpfe des Pan - archäozoologische Befunde zu Faunistik und Haustierhaltung im hellenistischen Arkadien, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier '100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen', Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 169-179.
Kontakt:
Veronika Mitsopoulos-Leon
Mitarbeiter/innen:
Gerhard Forstenpointner (Archäozoologe)
Franz Glaser (Archäologe)
K. Hannemann (Anthropologe)
M. Hofer (Archäozoologe)
Georg Ladstätter (Tempelarchitektur)
Christine Rogl (Hellenistische Reliefkeramik)
Christa Schauer (Keramik aus dem Heiligtum)
Juni 2007
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