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DIE AUSGRABUNGEN IN LIMYRA - TÜRKEI

Die Ausgrabungen in Limyra in der südwesttürkischen Küstenlandschaft Lykien ist neben Ephesos das zweite wissenschaftliche Grabungsunternehmen der Republik Österreich in der Türkei. Die Ausgrabungen in Limyra wurden im Jahr 1969 von J. Borchhardt im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts/Zweigstelle Istanbul begonnen und in der Folge von 1984-2001 als österreichisches Projekt durch das Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien (IKA) weitergeführt. Mit der Übernahme der Grabungsleitung durch Th. Marksteiner im Jahre 2002 fand die Limyra-Grabung am ÖAI eine neue Heimstatt, die wissenschaftlichen Agenden von J. Borchhardt werden jedoch weiterhin von diesem selbst betreut.

Limyra, lykisch zemuri, lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf das hethitische zumarri in Texten des 2. Jahrtausends v.Chr. zurückführen. Bisher wurden jedoch im Zuge der Grabungen keine diesen frühen Perioden zuweisbaren Straten angeschnitten. Die ältesten Funde, spätgeometrisches Keramikmaterial, reichen in das fortgeschrittene 8. Jh. v.Chr. zurück, Aussagen zu Struktur und Ausdehnung der dadurch angezeigten Niederlassung sind jedoch nicht möglich. Auch über das archaische und frühklassische Limyra sind nur wenige Informationen verfügbar. Zemuri war jedoch im 5. Jh. v.Chr. Prägeort des xanthischen Dynasten kuprlli und dürfte eine bedeutende Stellung innerhalb der regionalen Siedlungshierarchie eingenommen haben.
In hochklassischer Zeit erlebte die Niederlassung eine Zeit der Blüte, als sie zur Residenzstadt einer aufstrebenden ostlykischen Dynastie ausgebaut wurde. Deren Protagonist, der Dynast perikle, veränderte die politische Landschaft der Region. Der aktive Feldherr dürfte in der 1. Hälfte des 4. Jhs. die Dynastie von Xanthos besiegt und kurzzeitig ganz Lykien sowie angrenzende Gebiete im Norden und Osten beherrscht haben. Diese Verschiebung der Machtverhältnisse erfolgte wohl gegen den Willen der persischen Oberherren, sodass perikle in der Forschung mit der Teilnahme der Lykier am sog. Satrapenaufstand verbunden wird. In der fortgeschrittenen Dynastenzeit wurde in Limyra ein umfassendes Bauprogramm durchgeführt, im Zuge dessen ein rund 25 ha umfassender Mauerring und eine Gipfelbefestigung errichtet wurden. Zwei hochaufragende, bergfriedartige Turmbauten überragten diese Zitadelle. Sie sollten wohl von der Macht und der Bedeutung ihres Bauherren künden. Damals entstand auch das monumentale Heroon der ostlykischen Dynastie. An diesem amphiprostylen Podiumsbau, dessen vorgelagerte Hallen von Karyatiden getragen wurden und dessen Seitenwände mit Friesen militärischer Thematik geschmückt waren, wird die Vermischung von lokaler Bautradition mit griechischem Einfluss deutlich. Weitere Monumentalgräber dienten wohl als Begräbnisstätten einer aristokratischen Oberschicht. Hervorzuheben ist hier das zweigeschossige Grabmal des xntabura, dessen Reliefschmuck nebst einer Opferszene auch eine Apobaten- und eine Gelageszene, also zentrale Themen der klassisch lykischen Ikonographie, umfasst.
Ausgedehnte Nekropolen, in denen sich zahlreiche Reliefs und Inschriften in lykischer Sprache und Schrift erhalten haben, säumten die Niederlassung und bildeten das größte Ensemble lykischer Felsgräber. Besonders eindrucksvoll ist die am Eingang des Arykandostales in eine hochaufragende Felswand gearbeitete Nekropole 1. Ein schlichtes Felsgrab in der Grabstiftung der xuwata in Nekropole 2 ist mit einem Relief verziert, das einen Zweikampf nach der Vorlage des berühmten Schildes der Athena Parthenos des Phidias wiedergibt. An einem anderen Grab lässt sich tebursseli als siegreicher Held abbilden, wie er mit seinem König perikle den Feldherren arttumpara im Xanthostal besiegt. Am Doppelgrab des artimas in Nekropole V zeugt eine der wenigen aramäischen Inschriften Kleinasiens von den Verbindungen Lykiens zu den Kerngebieten des Achämenidenreiches. Aus dem hochklassischen Denkmalbestand von Limyra lässt sich ein ausgeprägter Philhellenismus der politischen Führungsschicht der Dynastenzeit ablesen, die Semantik der lykischen Kultur dieser Periode war jedoch in hohem Maße von der Zugehörigkeit zu einer orientalischen Lebenswelt bestimmt. Die unabhängigen Dynastenherrschaften fanden im Anschluss an die Niederschlagung des sog. Satrapenaufstandes durch die Perser ein abruptes Ende, und Lykien wurde dem Herrschaftsgebiet der karischen Hekatomniden zugeschlagen.
Prachtbauten in der Unterstadt, etwa das hellenistische Ptolemaion und das Kenotaph für Gaius Caesar, dem im Jahre 4. n.Chr. in Limyra verstorbenen Adoptivsohn des Augustus, zeugen von der Bedeutung der Niederlassung auch in späteren Perioden. Das Theater, eine Thermenanlage, ein Torbau und Säulenstraßen verdeutlichen die urbanistische Blüte Limyras während der Kaiserzeit. Die Stellung Limyras als Bischofssitz wird durch die Bischofskirche sowie weitere christliche Kultbauten veranschaulicht. Von unruhigen Zeiten zeugen die gewaltigen nachantiken Stadtmauerringe von Ost- und Weststadt. Mit dem im 16. Jh. gegründeten Tekke des Kâfi-Baba, dem ältesten Bektaschi-Kloster der türkischen Südküste, verfügt Limyra auch über ein bedeutendes Monument der islamischen Geschichte.

Folgende Feldforschungsprojekte werden zurzeit in Limyra durchgeführt:

1) Das Weststadtprojekt
Im Zuge des im Jahr 2002 begonnen Forschungsprojektes 'Archäologische Forschungen in der Weststadt von Limyra' wurden vier Grabungskampagnen und eine Aufarbeitungskampagne durchgeführt. Finanziert wurden die Arbeiten vom
FWF, dem damaligen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und dem ÖAI. Im Zuge dieser Arbeiten konnten die Grundlagen für eine Beantwortung wichtiger Fragestellungen geschaffen werden. Insbesondere ist hier die Erstellung einer Typologie vorhellenistischer Keramik zu nennen. Die dichte Schichtenabfolge, welche im Bereich der Grabungsflächen hinter der klassischen Stadtmauer angetroffen wurde, reichte von spätklassischer bis in früharchaische Zeit und erlaubte die Bergung großer Mengen stratifizierter Fundkeramik. Aufgrund des in den meisten Horizonten angetroffenen, hohen Anteils importierter Waren aus dem griechischen Raum wird diese es erlauben, eine Chronologie vorhellenistischer Keramik des ostlykischen Fundplatzes zu erstellen.
Auch wurde im Zuge der Grabungen eine Abfolge vorhellenistischer Bauhorizonte mit teils gut erhaltenen Grundrissen freigelegt, welche unsere Kenntnis der klassischen und archaischen Niederlassung wesentlich verbessert. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zwei Antenhäuser des 5. Jhs. v.Chr. und ein Zweiraumbau der Zeit um 380 v.Chr. zu nennen. Es dürfte sich jeweils, wie das Vorhandensein von Herdstellen nahelegt, um Wohnbauten handeln. Baubefunde des 6. Jhs. v.Chr. sind im Grabungsbereich nur in zumeist sehr zerstörtem Zustand angetroffen worden. Im ältesten Horizont des Grabungsbereichs, in dem sich Architekturreste fanden, wurden ein kleines Gebäude des 7. Jhs. v.Chr. und davon abgehende Mauern freigelegt.
Die Datierung der klassischen Stadtmauer von Limyra in das 1. Viertel des 4. Jhs. v.Chr. wird durch die Keramikfunde in der Aufschüttung im Siedlungsinneren abgesichert. Eine Präzisierung dieses chronologischen Ansatzes wird nach endgültiger Auswertung des keramischen Materials möglich sein. Auch wurden bezüglich der Bauweise und der Typologie der Befestigungsanlage neue Erkenntnisse gewonnen: Es gelang der Nachweis, dass der Wehrgang und die Aufgänge in Holzbauweise ausgeführt waren. Auch wurde festgestellt, dass das klassische Südtor von einer zweiten, im Osten des Durchgangs befindlichen Bastion flankiert war.
Neue Erkenntnisse wurden auch in Bezug auf die nachkaiserzeitliche Verbauung des Areals gewonnen: Die Freilegung eines großflächigen Gebäudes an einer Pforte im ersten nachantiken Mauerring ergab reiche Keramik- und Münzfunde, deren Auswertung noch nicht abgeschlossen ist. Es bestätigte sich der schon im Bereich des Südtores gewonnene Ansatz, dass die spätantik-frühbyzantinische Verbauung innerhalb des Mauerringes der Weststadt dicht gedrängt war und durch unregelmäßige Freiräume sowie verwinkelte Gassen erschlossen wurde. Mehrere kleinflächige Sondagen im zentralen Bereich der Weststadt erlaubten es, bauliche und keramische Relikte der letzten Besiedlungsphasen zu erfassen.
Das Ergebnis der Freilegungsarbeiten zwischen der klassischen Siedlungsmauer und einer vorgelagerten qualitätsvollen Hausteinmauer erlaubte die Datierung letzterer in die hohe Kaiserzeit: In dem Bereich zwischen den beiden Mauern, der wohl für kurze Zeit zur Entsorgung von Abfällen genutzt worden war, wurde ein Fundkomplex geborgen, welcher Glas, qualitätsvolle Keramik, Terrakotten und Münzen beinhaltet.

2) Spolienaufnahme
Während der Kampagne 2005 wurde durch L. Cavalier (Bordeaux 3) mit der Erstellung eines Spolienkataloges begonnen. Im Zuge der Analyse der Werkstücke wurde erkannt, dass ein Teil der in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts geborgenen Werkstücke von einem monumentalen Kultbau stammen dürfte. 18 der besser erhaltenen und aussagekräftigen Blöcke wurden im Zuge der Kampagne 2006 zeichnerisch dokumentiert.
Die Arbeiten an den Spolien ermöglichten, eine größere Anzahl von Werkstücken zu erfassen, die höchstwahrscheinlich zu einem Monumentalbau gehören, dessen Existenz bis dahin unbekannt war.
Diese Blöcke stammen durchwegs aus den südlichen Abschnitten der spätantiken Oststadtmauern, in denen auch heute noch weitere vergleichbare Werkstücke verbaut sind. Sie bestehen aus lokalem Kalkstein und wurden alle vor ihrer Wiederverwendung stark beschädigt, indem man systematisch einen Großteil der Ornamente abschlug.
Die Blöcke dürften von einem ionischen Peripteros stammen, dessen Cellawände an der Außenseite mit korinthischen Halb- und Dreiviertelsäulen versehen waren. Ihre Datierung kann sich nur auf stilistische und bautechnische Merkmale stützen, die nach Ansicht von L. Cavalier in den Hellenismus weisen. Diese Überlegungen haben jedoch nur vorläufigen Charakter.

3) Untersuchung des Heiligtums auf dem Yalakbaşı
Die Finanzierung dieses Projektes erfolgte aus Mitteln des ÖAI und des Deutschen Archäologischen Instituts. Das 1996 im Zuge des Bonda-Surveys entdeckte Heiligtum wurde im Rahmen der Limyra-Kampagne 2006 von B. Stark und M. Wörrle untersucht.
Das Heiligtum von Yalakbaşı liegt in gut 300 m Meereshöhe südlich oberhalb der Schlucht, die in ost-westlicher Richtung das Bonda Gebiet von Finike aus erschließt. Untersucht wurde eine Fläche von etwa 40 × 40 m, innerhalb derer ein Bereich von etwa 17 × 25 m mit einem Steinplan, mehreren Detailzeichnungen einzelner Monumente, photographischen Aufnahmen, Abklatschen der Inschriften und einem beschreibenden Katalog der 55 georteten Artefakte dokumentiert wurde.

Das den Inschriften zufolge einem bisher unbekannten Gott namens Suraendis gewidmete Heiligtum wurde von einem Ensemble eng beisammen stehender Votivstelen, -altäre und -pfeiler gekennzeichnet, deren Dimensionen von den 10 cm eines Miniaturaltärchens bis zu den fast 2,3 m eines monumentalen Pfeilers reichen. Mehrere Monumente standen auf schemelartigen Sockeln und trugen Weihgeschenke aus Bronze. Es dürfte sich um einen Kultplatz unter freiem Himmel gehandelt haben. Eine Datierung ist mithilfe der allerdings ebenfalls stark verwitterten und nur schwer lesbaren Inschriften möglich: Sie weisen alle in die mittlere Kaiserzeit, was frühere Anfänge aber nicht ausschließt.
Die ursprünglichen Strukturen des Bezirks sind deshalb nur in hypothetischen Ansätzen wiederzugewinnen: Vermutlich führte der antike Weg aber von Ost nach West ansteigend südlich an einer Terrassenmauer aus großen Blöcken entlang. Auf der dadurch gebildeten Terrasse nördlich oberhalb des Weges stand die Mehrzahl der kleineren Votive dicht gedrängt um einen exedraartigen, kleinen Platz. Die beiden monumentalen Pfeiler dürften dagegen eher zu einer südlich des Weges auf etwa selbem Niveau gelegenen Terrasse gehört haben.

Bildunterschriften
Abb. 1: Lykienkarte
Abb. 2: Limyra, Gesamtplan (© ÖAI)
Abb. 3: Metope des Ptolemaion (© ÖAI)
Abb. 4: Luftaufnahme Grabung (© ÖAI)
Abb. 5: Luftaufnahme Grabung (© ÖAI)
Abb. 6: Architrav (© ÖAI)
Abb. 7: Lage des Yalakbaşı (© ÖAI)
Abb. 8: Votivstele (© ÖAI)

Literatur:
J. Borchhardt, Die Steine von Zemuri. Archäologische Forschungen an den verborgenen Wassern von Limyra (1993).
J. Borchhardt und Mitarbeiter, Grabungen und Forschungen in Limyra aus den Jahren 1984-1990, ÖJh 61, 1991/92, Beibl. 125-192.
Th. Marksteiner, Die befestigte Siedlung von Limyra, Forschungen in Limyra I (1997).
J. Borchhardt und Mitarbeiter, Grabungen und Forschungen in Limyra aus den Jahren 1991-1996, ÖJh 66, 1997, Beibl. 321-426.
J. Borchhardt, Der Fries vom Kenotaph für Gaius Caesar in Limyra (2002).
Vorberichte zu den Grabungen erscheinen jährlich in den Kazı Sonucları Toplantısı.

Kontakt:
Martin Seyer
Mitarbeiter:
Andreas L. Konecny (Wien)
Jörg Gebauer (Münster)
Joachim Gorecki (Frankfurt am Main)
Michael Wörrle (München)

Oktober 2008