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SPÄTBRONZEZEITLICHE, GEOMETRISCHE, ARCHAISCHE UND KLASSISCHE KERAMIK
Unter den Funden der späten Bronzezeit, der frühen Eisenzeit und der archaischen Epoche stellen die keramischen Gefäße die umfangreichste Gruppe dar. Sie sind nicht nur als Zeugnisse für Handwerk und frühe Malerei von Interesse, sondern auch eine wichtige historische Primärquelle aus den schriftlosen 'Dunklen Jahrhunderten'. Im Kontext ihrer stratigraphischen Fundlage und ihrer Vergesellschaftung mit anderen Objekten betrachtet, liefern sie vielfältige Informationen über die Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte, den Lebensalltag und den Kult in der Frühzeit von Ephesos.
In der späten Bronzezeit war Ephesos ein bedeutender Zentralort in Westanatolien, dessen Identifizierung mit Apasa, der Hauptstadt des luwischen Königreiches von Arzawa, durch die jüngsten Forschungen von M. Büyükkolancı und D. Hawkins sehr wahrscheinlich geworden ist. Die Könige von Arzawa waren die mächtigsten Herrscher in Westkleinasien und standen mit den hethitischen Großkönigen und den Pharaonen in Kontakt. Nach dem Zusammenbruch der ägäischen und anatolischen Machtsphären im späten 2. Jahrtausend v.Chr. war Ephesos einer jener Orte, an denen kleinen Gruppen von Siedlern aus dem griechischen Mutterland die Landnahme gelang. Dies war die Geburtsstunde der in archaischer Zeit blühenden ionischen Polis Ephesos, der Heimat des Philosophen Heraklit und des Dichters Hipponax.
Im Rahmen des Projektes werden die Keramikfunde der spätbronzezeitlichen, der protogeometrischen, geometrischen und archaischen Epoche aus den Grabungen im Heiligtum der Artemis (ÖAI, Leitung A. Bammer 1965-1994), in der spätgeometrisch-archaischen Siedlung unter der Tetragonos Agora (ÖAI, Leitung G. Langmann und P. Scherrer 1987-1996) sowie auf dem Ayasoluk-Hügel (Efes Müzesi Selçuk, Leitung M. Büyükkolanci 1996-2002) ausgewertet. Alle drei Fundplätze erlauben spezielle Aussagen, die sich zu einem Gesamtbild von Keramikproduktion und -nutzung im frühen Ephesos ergänzen:
Im Artemision wurden mehrere Zehntausend Gefäße und Gefäßfragmente der vorhellenistischen Zeit ausgegraben. Darunter befinden sich bemalte Vasen von hohem künstlerischen Rang. Die besondere Bedeutung der Fundgruppe insgesamt liegt in der günstigen Konservierungssituation der frühgriechischen Straten im Artemision, die eine kontextuelle Aufarbeitung ermöglichen. Durch die gemeinsame Auswertung von Stratigraphie und Keramikfunden ist es möglich, eine Feinchronologie für die ostgriechische Keramik des späten 8. und 7. Jhs. v.Chr. zu erstellen und entscheidende Anhaltspunkte zur Datierung der archäologischen Schichten und architektonischen Strukturen zu gewinnen. Darüber hinaus können an bestimmten Fundstellen innerhalb des Heiligtums intentionelle Deponierungen erfasst werden, die gemeinsam mit den Bearbeiter/innen der Kleinfunde und Tierknochen auf ihre Aussage zum Kultgeschehen hin analysiert werden. Aus den tiefsten Schichten im Bereich der sog. Zentralbasis stammt der umfangreichste protogeometrische Fundkomplex, der aus der gesamten Ostägäis bisher bekannt ist. Er wird von M. Kerschner vorgelegt, der auch die geometrischen und orientalisierenden Gefäße sowie die westanatolischen Importe bearbeitet. St. Karl setzt sich im Rahmen seines Dissertationsvorhabens mit ausgewählten Fundgruppen der spätgeometrischen und archaischen Trinkgefäße sowie der korinthischen Importkeramik auseinander, denen eine zentrale Rolle bei der chronologischen Einordnung der frühesten ergrabenen Bauwerke im Temenos zukommt.
In der spätgeometrisch-archaischen Siedlung unter der späteren Tetragonos Agora lassen sich die Keramikfunde mit den vier von P. Scherrer unterteilten Bauphasen korrelieren, die die Zeit von der Mitte des 8. Jhs. bis zur Mitte des 6. Jhs. v.Chr. umspannen. Interessante Aspekte bietet der Vergleich des Keramikspektrums der Siedlung mit dem des Artemisheiligtums. Seit 1996 ist durch die Entdeckung eines Töpferofens unter der Agora lokales Töpferhandwerk im archaischen Ephesos zweifelsfrei belegt.
Der Ayasoluk-Hügel ist neben dem nahe gelegenen Artemision bislang der einzige Fundplatz im Raum von Ephesos, an dem eine Nutzung während der Spätbronzezeit und der Früheisenzeit nachgewiesen ist. In der Spätbronzezeit kommt neben westanatolischen Waren auch mykenische Keramik vor, unter der neben Importen aus der Argolis auch ostägäische Produktionen vertreten sind. An der westlichen Hügelkante des Ayasoluk legte M. Büyükkolancı 2001/02 eine in den Fels gehauene, kreisrunde Vertiefung frei, die einen umfangreichen Fundkomplex der mittelgeometrischen Epoche enthielt, welche zuvor in Ephesos nur durch Einzelstücke belegt war.
Einen wesentlichen Aspekt der Keramikforschung stellt ein interdisziplinäres Programm zur Herkunftsbestimmung der Keramikfunde dar. Durch archäometrische Analysen, die H. Mommsen (Univ. Bonn) mit der Methode der Neutronenaktivierung durchführt, konnten bisher drei chemische Elementmuster mit Sicherheit in Ephesos lokalisiert werden, womit der Nachweis gelang, dass ephesische Töpfer in mykenischen, geometrischem und orientalisierendem Stil bemalte Gefäße herstellten. Um die Herkunft der unterschiedlichen Importwaren feststellen zu können, wurden in Kooperation mit den Grabungen Kyme, Milet, Samos, Sardeis und Smyrna sowie einer Reihe von Museen mittlerweile über 500 Vergleichsproben analysiert, wodurch die wichtigsten Töpferzentren der Ostägäis und deren Produktionsspektrum erfasst werden konnten. Darüber hinaus konnte anhand ephesischer Fundstücke erstmals belegt werden, dass protogeometrische Keramikimporte aus Athen nach Kleinasien gelangten.
Bildunterschriften
Abb. 1: Fragment eines Tellers der sog. Ephesischen Ware aus dem Artemision (© ÖAI)
Abb. 2: Mykenischer Skyphos aus den Grabungen auf dem Ayasoluk (© ÖAI)
Literatur:
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M. Akurgal - M. Kerschner - H. Mommsen - W.-D. Niemeier, Töpferzentren der Ostägäis. Archäometrische und archäologische Untersuchungen zur mykenischen, geometrischen und archaischen Keramik aus Fundorten in Westkleinasien, 3. Ergh. ÖJh (2002).
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M. Weißl, Grundzüge der Bau- und Schichtenfolge im Artemision von Ephesos, ÖJh 71, 2002, 313-346.
M. Kerschner, Stratifizierte Fundkomplexe der geometrischen und subgeometrischen Epoche aus Ephesos, in: B. Rückert - F. Kolb (Hrsg.), Probleme der Keramikchronologie des südlichen und westlichen Kleinasiens in geometrischer und archaischer Zeit. Internationales Colloquium Tübingen 24.3.-26.3.1998 (2003) 43-59.
M. Kerschner, Zum Kult im früheisenzeitlichen Ephesos. Interpretation eines protogeometrischen Fundkomplexes aus dem Artemisheiligtum, in: B. Schmaltz - M. Söldner (Hrsg.), Griechische Keramik im kulturellen Kontext, Akten des Internationalen Vasen-Symposions in Kiel 24.-28.9.2001 (2003) 246-250.
M. Kerschner - I. Kowalleck - M. Steskal, Archäologische Forschungen zur Siedlungsgeschichte von Ephesos in geometrischer, archaischer und klassischer Zeit. Grabungsbefunde und Keramikfunde aus dem Bereich von Koressos, 9. ErghÖJh (in Druckvorbereitung).
Kontakt:
Michael Kerschner
Mitarbeiter:
Stephan Karl
Juni 2007
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