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DIE HAFENNEKROPOLE VON EPHESOS

Wie in der Antike üblich, war auch die Stadt Ephesos von ausgedehnten Nekropolen umgeben. Von welcher Richtung auch immer ein Reisender die Stadt betreten wollte, er hatte zunächst eine Totenstadt zu passieren. Ihre Lage an stark frequentierten Verkehrswegen und ihre augenscheinliche Präsenz konfrontierten die Lebenden permanent mit all den Ungewissheiten, Erwartungen und individuellen Jenseitsvorstellungen, welche die Menschen zu allen Zeiten mit dem Tod verbanden. Die Gräber dienten aber nicht nur als Denkmäler der Erinnerung, Unterschiede in Aussehen, Größe und Ausstattung machten sie zu Mitteln der Selbstdefinition und der Dokumentation sozialer und hierarchischer Unterschiede.
Obwohl die Erforschung antiker Nekropolen der griechisch-römischen Welt an vielen Orten seit jeher von vorrangigem Interesse war, stellt die systematische wissenschaftliche und von Einzelmonumenten losgelöste Auseinandersetzung mit den Totenstädten der Provinz Asia, insbesondere auch in Ephesos, nach wie vor ein Desiderat dar. Abgesehen von selektiven Grabungen - etwa entlang der Damianosstoa, am sog. Staatsmarkt oder im Areal innerstädtischer Grabmonumente - und mehreren Rettungsgrabungen fehlen bis dato zusammenhängende und umfassende Forschungen zu den außerhalb des hellenistisch-römischen Stadtgebietes gelegenen Nekropolen.

In den Jahren 2005 und 2007 mussten seitens des Österreichischen Archäologischen Institutes Rettungsgrabungen südlich und nördlich des Hafenkanals durchgeführt werden, nachdem Raubgräber Sarkophagkästen illegal zu bergen versuchten. Diese vor allem in den Wintermonaten immer wieder auftretenden Aktivitäten in dem Areal fernab der Touristenströme führten bereits zu erheblichen Beschädigungen und einem großen Informationsverlust. Es war daher der ausdrückliche Wunsch des Ministeriums für Kultur und Tourismus in Ankara, aber auch der Grabungsleitung von Ephesos, im Jahr 2008 systematische archäologische Untersuchungen in dieser Nekropole westlich des Hafenbeckens zu beginnen, um ihre Ausdehnung, ihre historische Entwicklung, ihren Aufbau und ihr Aussehen nach modernen wissenschaftlichen Kriterien zu erforschen. Für diese Arbeiten konnte eine substantielle Finanzierung durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftichen Forschung eingeworben werden (FWF-Projekt P22083-G19), die durch infrastrukturelle Leistungen des ÖAI ergänzt werden. Die Ergebnisse der bis zum Jahr 2012 geplanten Arbeiten sollen in der Reihe "Forschungen in Ephesos" sowie in Vorberichten veröffentlicht werden.

Diese erste systematische Erforschung einer ephesischen Nekropole wird durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftern aus den Bereichen Archäologie, Altertumskunde, Bauforschung, Geophysik, Geoarchäologie und Anthropologie nicht nur die Nutzungsgeschichte, das Aussehen, die Ausdehnung, die topographische Einbindung und den architektonischen Aufbau dieser Nekropole beleuchten, sondern auch grundsätzliche Themen wie Bestattungssitten und -riten sowie die Sozialstruktur der Bevölkerung der Hauptstadt der römischen Provinz Asia im Spannungsfeld von Heidentum und Christentum diskutieren. Als Grundlage für ausgewählte Grabungsarbeiten werden neben Oberflächen-Surveys vor allem die Ergebnisse der geophysikalischen Untersuchung des Geländes mittels Georadar und Geomagnetik herangezogen, die vorab detaillierte Informationen zur Bebauungsstruktur und Ausdehnung der Nekropole liefern sollen.
Da eine vollständige Ausgrabung der mehrere zehntausend Quadratmeter großen Nekropole nicht möglich ist, konzentriert sich die stratigraphische Freilegung auf größere, zusammenhängende Flächen, die einen repräsentativen Ausschnitt zu Chronologie, Struktur und Aussehen der einzelnen Grabhäuser und Gräber bieten sollen. Im Zentrum anthropologischer Analysen stehen Fragen zu Geschlecht, Alter, Familienverbänden, Ernährungsgewohnheiten und Todesursachen der Bestatteten. In Verbindung mit der Beurteilung der Ausstattung, Größe und Struktur der Gräber, der Grabbeigaben sowie der Auswertung möglicher epigraphischer Funde sollen Erkenntnisse zu Bestattungssitten und Sozialstruktur der Ephesier gewonnen werden. Durch die kontextuelle Auswertung des keramischen Fundmaterials und der Kleinfunde der Nekropole, die nach jetzigem Wissensstand im 3. Jh. n. Chr. angelegt und zumindest bis in das 5. Jh. n. Chr. genutzt wurde, sollen die grundlegenden Fragen zu Nutzungsphasen und Nachnutzungen geklärt werden.

Schließlich sollen geoarchäologische Untersuchungen Erklärungsmodelle für die komplexen Verlandungsprozesse sowie die schwankenden Meeres- und Grundwasserspiegel im Laufe der Jahrhunderte, welche die Anlage des Hafenkanals - die Voraussetzung für das Entstehen der Nekropole an dieser Stelle - erst erforderlich machten, liefern.

Das geplante Projekt konzentriert sich folglich nicht nur auf ein nahezu unerforschtes Gebiet von Ephesos, sondern auch auf ein bis zum heutigen Tag noch wenig etabliertes Forschungsfeld in der römischen Provinz Asia. Die Ergebnisse der Untersuchungen in der Hafennekropole sollen als wesentlicher Beitrag und Impuls für neue Forschungsansätze in dieser Region verstanden werden.

Bildunterschriften
Abb. 1: Stadtplan Ephesos mit Lage der Hafennekropole (© ÖAI, Ch. Kurtze)
Abb. 2: Hafennekropole mit Grabhaus 1/05 südlich des Hafenkanals (© ÖAI, M. Steskal)
Abb. 3: Hafennekropole mit Grabhaus 1/08 nördlich des Hafenkanals - Blick Richtung Osten (© ÖAI, N. Gail)
Abb. 4: Hafennekropole - Topografisches Umfeld von Grabhaus 1/08 (© ÖAI, N. Gail)
Abb. 5: Bestattungen in Grab 3 des Grabhauses 1/08 (© ÖAI, M. Steskal)
Abb. 6: Grabbeigaben aus Grabhaus 1/08 (© ÖAI, N. Gail)
Abb. 7: Öllampen aus Grabhaus 1/08 (© ÖAI, N. Gail)
Abb. 8: Freilegung des Areals westlich und nördlich des Grabhauses 1/08 im Sommer 2009 (© ÖAI, M. Steskal)

Kontakt:
Martin Steskal



Februar 2010