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DER HADRIANSTEMPEL AN DER KURETENSTRASSE

Das zumeist als Hadrianstempel bezeichnete Gebäude an der Kuretenstraße ist - nicht zuletzt aufgrund des im Jahr 1957/58 durchgeführten Wiederaufbaus (Abb. 1) - eines der bekanntesten Monumente von Ephesos (Abb. 2). Seit seiner Entdeckung sind mehr als 50 Jahre vergangen, eine systematische Untersuchung und Publikation des Baubefundes liegen bislang aber nicht vor. Fragen zu Chronologie, Funktion und Rekonstruktionsdetails sind deshalb von der Forschung zwar vielfach und kontrovers diskutiert, aber nicht endgültig gelöst worden.

In seinem Grundriss entspricht der in das 'Variusbad' integrierte Bau mit längsrechteckiger Cella einem tetrastylen Prostylos, der zwei Säulen sowie in Verlängerung der Anten zwei Pfeiler besitzt.
Der Ausgräber Franz Miltner identifizierte das Gebäude zunächst - vermeintlich in Übereinstimmung mit der Bauinschrift - als den literarisch belegten Neokorietempel für Kaiser Hadrian. Dieser Interpretation widersprach hingegen Michael Wörrle, der die Inschrift aus prosopographischen Gründen in die Jahre 117/118 n.Chr. und damit mehr als zehn Jahre vor der Errichtung des Neokorietempels datieren konnte. Ähnliches gilt für Vorschlag von Ulrike Outschar, den Hadrianstempel als Kultbau für den vergöttlichten Antinoos zu sehen: Antinoos verstarb erst im Jahr 130 n.Chr., somit Jahre nach der Ausführung des Bauwerks. Die Frage nach der Interpretation des Monuments wird darüber hinaus durch Reliefdarstellungen erschwert (Abb. 3), die aus kunsthistorischen Gründen häufig einem Umbau im 4. Jh zugeschrieben werden; mehrfach wurde sogar vorgeschlagen, im Hadrianstempel eine sekundäre Zusammenstellung einzelner Architekturelemente zu sehen, die ursprünglich von unterschiedlichen Bauwerken stammten.
Seine bis in die Spätantike anhaltende Bedeutung zeigt sich in den vor dem Gebäude aufgestellten Basen für Statuen der Tetrarchen Diocletian, Constantius I. und Galerius. Die vierte Basis wurde später von Theodosius I. im Zuge einer Neugestaltung der Kuretenstraße durch eine Statuenbasis für seinen Vater ersetzt.
Wie aus diesem Abriss zur Forschungsgeschichte hervorgeht, sind wesentliche Fragen zum Hadrianstempel und seiner Geschichte bislang nicht beantwortet. Zur Lösung der komplexen Problematik soll in dem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützten Projekt (Projekt P20947-G02) an mehreren Punkten angesetzt werden:
Wichtigste Quelle ist zunächst das Gebäude selbst. In einer umfassenden Analyse müssen seine Baugeschichte geklärt und seine Einzelelemente den jeweiligen Bauphasen zugewiesen werden, woraus sich Rekonstruktionen für die einzelnen Phasen und ein besseres Verständnis für die Entwicklung und Nutzung des Bauwerks ergeben werden. Die Dokumentation des Baubefundes geschieht mittels 3-D-Scanning und der modernen Wiederaufstellung der Bauteile wird im Rahmen des Projekts durch eine Schadbildaufnahme und -analyse Rechnung getragen werden. Die funktionale Interpretation des Gebäudes wird mithilfe unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, darunter Kulturgeschichte, Epigraphik, Ikonographie und Architekturgeschichte, erfolgen.
Die Ergebnisse des Projekts werden nicht nur ein langjähriges Forschungsdesiderat zum Monument selbst erfüllen, von ihnen sind auch weiterreichende Schlüsse auf das Verständnis der ephesischen Stadtgeschichte, das soziale Gefüge der Stadt sowie auf die Architekturgeschichte und Herrscherverehrung in Kleinasien zu erwarten.

Bildunterschriften
Abb. 1: Der Hadrianstempel während der Wiederaufstellung 1957 (© ÖAI, Archiv)
Abb. 2: Der Hadrianstempel im Jahr 2007 (© ÖAI, U. Quatember)
Abb. 3: Relief vom Hadrianstempel mit mythologischer Gründungsszene der Stadt Ephesos (© ÖAI, N. Gail)

Literatur (Auswahl):
F. Miltner, XXII. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 44, 1959, Beibl. 264-273.
F. Miltner, Denkmalpflege in Ephesos, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 13, 1959, 1-10, bes. 6-8.
F. Miltner, XXIV. Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen in Ephesos, ÖJh 45, 1960, Beibl. 64-66.
R. Fleischer, Der Fries des Hadrianstempels in Ephesos, in: Festschrift Fritz Eichler, ÖJh Beih. 1 (Wien 1967) 23-71.
M. Wörrle, Zur Datierung des Hadrianstempels an der 'Kuretenstraße' in Ephesos, AA 1973, 470-477.
U. Outschar, Zur Deutung des Hadrianstempels an der Kuretenstraße, in: H. Friesinger - F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995, AForsch 1 = DenkschrWien 260 (Wien 1999) 443-448.

Kontakt:
Ursula Quatember



Januar 2009