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EPHESOS - EINE ANTIKE METROPOLE
Ihre Erforschung und Geschichte
Ephesos, an der türkischen Westküste gelegen, ehemals Hauptstadt der römischen Provinz Asia und Ort eines der sieben Weltwunder, ist seit 1895 Forschungsplatz österreichischer archäologischer Wissenschaft. Seinerzeit unmittelbare Motivation für die Gründung des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) nach internationalen Modellen, ist Ephesos heute noch Schwerpunkt der archäologischen Auslandsforschung des Instituts.
Ephesos im Spiegel der Forschung
1863 begann der englische Architekt John Turtle Wood in Ephesos mit der Suche nach dem Artemision, einem der sieben Weltwunder. Nach siebenjähriger Suche, am Silvestertag des Jahres 1869, stieß er in fast 7 m Tiefe auf die Marmorpflasterung des Tempels. Da die erhofften Funde jedoch nicht zutage kamen, wurden die Grabungen 1874 eingestellt.
Otto Benndorf, dem ersten Direktor des Österreichischen Archäologischen Instituts, war es Anliegen, Ephesos zum Forschungsplatz österreichischer Wissenschaft zu machen; unterstützt wurde seine Initiative von türkischer wie auch deutscher Seite. Den Beginn der Arbeiten ermöglichte aber erst der Privatmann Karl Mautner Ritter von Markhof im April 1895 mit einer Spende von 10.000 Gulden. Wie bereits der Anfang der Forschungen in Ephesos, so bleibt die gesamte österreichische Geschichte an diesem Grabungsplatz von privatem Mäzenatentum geprägt.
Trotz des Einschnittes nach dem 1. Weltkrieg, der sich auch in der archäologischen Wissenschaft bemerkbar machte, blieb Ephesos nicht zuletzt auf Wunsch türkischer Seite Forschungsgebiet Österreichs. 1926 war die Wiederaufnahme der Arbeiten einmal mehr nur durch ein Zusammenspiel des offiziellen Österreich und privater Sponsoren - John Rockefeller jun. und die Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft - möglich. Ohne öffentliche Geldmittel wurden die Arbeiten fortgesetzt; die in dieser Phase erfolgte Untersuchung der christlichen Anlagen des Siebenschläfer-Coemeteriums und der Johannesbasilika erfolgten aufgrund der Geldquellen.
Ähnlich schwierig gestaltete sich die Lage auch nach dem 2. Weltkrieg: Erst acht Jahre nach Beendigung des Krieges kehrte die österreichische Wissenschaft nach Ephesos zurück. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die 1995 ihre Patronanz über Ephesos erneuerte, legte den finanziellen Grundstock, den Fortgang der Forschungen ermöglichten neben den zuständigen Bundesministerien wiederum Sponsoren, u.a. die Oesterreichische Nationalbank, Mautner Markhof, die Baseler Stiftung Pro Epheso sowie Spenden in Form von Geräten.
Seit 1954 wird nun ohne Unterbrechung in Ephesos gearbeitet, die Grabungslizenz wird jährlich von den türkischen Behörden erteilt. Entsprechend dem veränderten Aufgabenprofil archäologischer Wissenschaft ist heute nicht mehr die extensive Freilegung der antiken Ruinen, sondern die systematische Erforschung der verschiedenen Epochen der mehr als tausendjährigen Geschichte der einstigen Metropolis Asiae Schwerpunkt der Aktivitäten. Wie bei allen Forschungen des ÖAI ist daher auch in Ephesos die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Archäologie mit den Nachbardisziplinen der Naturwissenschaft zur Regel geworden: Internationale Wissenschafter aus den Fachrichtungen der historischen Anthropologie, der Archäozoologie, Paläobotanik, Geologie und Geophysik sowie der Geodäsie finden sich jährlich in Ephesos ein. Hinzu treten Konservierung und Restaurierung der Fundobjekte und Monumente, denn die denkmalpflegerische Begleitung wissenschaftlicher Aktivitäten ist gerade an einem touristisch so erschlossenen Ort wie Ephesos von Bedeutung.
Das Grabungsbudget setzt sich aus Mitteln des Bundes, des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und aus Beiträgen privater Sponsoren zusammen. Seit 1970 zählt die Gesellschaft der Freunde von Ephesos zu den herausragenden Förderern der österreichischen Ausgrabung. International vielbeachtete Projekte wie die Wiederaufrichtung der Celsusbibliothek konnten durch die Unterstützung der Firma Kallingerbau realisiert werden. Auch Großprojekte wie die Überdachung und Konservierung des Hanghauses 2 oder die Restaurierung des Großen Theaters sind nur mit Unterstützung engagierter Sponsoren möglich, zu denen auch die Gemeinde Selçuk und türkische Unternehmungen (TÜRSAB, BORUSAN) zählen.
Geschichte und Denkmäler
Die Geschichte der in einer heute verlandeten Meeresbucht an der Mündung des Kaystros (Küçük Menderes) gelegenen Stadt Ephesos reicht bis in das Neolithikum zurück, fand ihren Höhepunkt in der griechisch-römischen Antike und erlebte eine letzte Nachblüte unter der seldschukischen Dynastie der Aydinogullari im 15. Jh. n.Chr.
Zentraler Siedlungsplatz war schon im 3. Jahrtausend v.Chr. der heute Ayasoluk (entstanden aus: Hagios Theologos) genannte, steile Hügel, von dem sich die moderne Ortschaft Selçuk nach Süden hin ausbreitet. Die weithin sichtbare venezianisch-osmanische Zitadelle auf dem höchsten Punkt ist die jüngste einer Reihe von Festungen, deren älteste in der Bronzezeit errichtet wurde. Hier könnte möglicherweise das in hethitischen Kriegsberichten im mittleren 2. Jahrtausend v.Chr. erwähnte Apaša lokalisiert werden. Von der hier gegründeten mykenischen Handelsniederlassung und der griechischen Siedlung sind bisher nur vereinzelte Gräber bekannt geworden.
Am damals küstenseitigen Westausläufer des Ayasoluk entstanden spätestens im 8. Jh. v.Chr. in einem anscheinend älteren Heiligtum erste Baulichkeiten aus Stein. Der wegen seines Reichtums legendär gewordene Lyderkönig Kroisos half bei der Finanzierung eines der gewaltigsten Tempelbauten der Antike, dem im 6. Jh. v.Chr. errichteten Artemision, welches auch wegen seiner Bankfunktion, des reichen Grundbesitzes und des Asylrechts der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt bis an den Beginn der Spätantike blieb.
Bald nach 400 n.Chr. wurde der als 'Weltwunder' gepriesene Riesentempel zerstört, an seiner Stelle entstand eine christliche Kirche. Um die Mitte des 6. Jhs. n.Chr. errichtete das byzantinische Kaiserpaar Justinian und Theodora auf dem Ayasoluk eine mit sieben Kuppeln eingedeckte Basilika zu Ehren des Hagios Theologos Johannes über einem älteren Kirchenbau und dem Grab dieses als Verfasser der biblischen Apokalypse geltenden Heiligen. Ab dem 6. Jh. residierte hier auch der Bischof von Ephesos innerhalb der nun befestigten Siedlung, nachdem die weitläufige Stadt in der Ebene aufgegeben worden war.
Nach dem Zwischenspiel der arabischen und mongolischen Herrschaft etablierten sich um 1400 die Seldschuken aus dem Hause Aydin in Ephesos; zu ihren Ehren wurde der Ort Ayasoluk unter Kemal Atatürk in Selçuk umbenannt. Der letzte Fürst der Dynastie, Isabey, ließ unweit des Artemisions eine architekturgeschichtlich überaus bedeutsame Moschee errichten. Aus diesem Anlass wurde sogar für die Bauarbeiter ein Badegebäude (Hamam) errichtet.
Die Hauptattraktion für Archäologen wie Touristen stellt das etwa 3 km von Selçuk entfernte Ruinengelände der hellenistisch-römischen Stadt dar. Zu Beginn des 3. Jhs. v.Chr. hatte König Lysimachos, einer der Generäle und Nachfolger Alexanders des Großen, die Stadt vom Artemision in die Seitenbucht zwischen den Bergen Preon (heute: Bülbüldağ) und Pion (heute: Panayırdağ) verlegt, da die Anschwemmungen des Kaystros und der stetig steigende Meeresspiegel die alte Siedlung überschwemmten und den Hafen unpassierbar werden ließen. Als bedeutendste Monumente aus der Gründungszeit prägen die auf dem Kamm des Bülbüldağ entlangziehenden Teile der ursprünglich etwa 8-10 km langen Stadtmauer und der fälschlich als 'Paulusgefängnis' bekannt gewordene Kommandoturm über dem Hafen noch heute die Silhouette von Ephesos.
Lange Zeit vermutete man in einem prunkvollen Grabbau bei Belevi, etwa 13 km flussaufwärts von Ephesos, das Ehrengrab des königlichen Stadtgründers.
An öffentlichen Baulichkeiten wurden bisher neben etlichen Straßenzügen vor allem der sog. Staatsmarkt mit dem Bouleuterion (Versammlungsort des Gemeinderates), dem Prytaneion (Sitz der obersten religiösen Behörde) und verschiedenen Heiligtümern des römischen Kaiserkultes sowie die Tetragonos Agora (Handelsmarkt) und das für 24.000 Besucher erbaute Theater ausgegraben. Die mächtigen Ruinen der fünf innerstädtischen, allesamt in ihrer endgültigen Erscheinungsform zwischen dem späten 1. und mittleren 3. Jh. n.Chr. entstandenen Thermen-Gymnasium-Komplexe bedürfen ebenso wie die zugehörigen Fernwasserleitungen und der Tempelbezirk westlich der Agora (sog. Serapeion) noch weiterer Erforschung. Das wichtigste Bauwerk der Spätantike ist die der Gottesmutter geweihte Kathedrale (Marienkirche). Sie stand auf dem Gelände des um 400 bis in die Fundamente abgetragenen Olympieions, eines zu Ehren des Kaisers Hadrian errichteten Tempels.
Die, wie das benachbarte Südtor der Agora mit Hilfe privater Mittel wiederaufgebaute Prunkfassade der öffentlichen Bibliothek der Stadt, deren Einrichtung von Celsus Polemaeanus, dem ehemaligen Provinzstatthalter und Freund des Kaisers Traian, um 110 n.Chr. testamentarisch verfügt worden war, stellt seit ihrer Vollendung 1978 das Wahrzeichen von Ephesos dar. Die Bibliothek, zugleich Grabmal ihres Stifters, überbaut die vor ihr platzartig erweiterte Hauptstraße (in der Antike Embolos genannt, heute als Kuretenstraße bekannt). Sie verläuft in der Furche zwischen den Stadtbergen und verbindet den Staatsmarkt mit der Handelsagora. Die Kuretenstraße wird von Säulenhallen begleitet, darüber hinaus wechseln zahlreiche Ehren- und Grabmonumente verdienter Bürger und internationaler Prominenz mit öffentlichen Brunnen und Toranlagen über einmündenden Nebenstraßen ab. Unmittelbar dahinter entstanden seit Beginn der römischen Kaiserzeit die Luxushäuser der ephesischen Oberschicht.
Zwei dieser Stadthauskomplexe, die sog. Hanghäuser 1 und 2, wurden seit 1960 systematisch und vollständig ausgegraben. Während der Großteil von Hanghaus 1 mit einer Gesamtbaufläche von 2.800 m² von einer einzigen 'Wohneinheit' eingenommen wurde, setzte sich Hanghaus 2 aus sieben auf drei Terrassen aufgeteilten Stockhäusern mit jeweils eigenem Innenhof zusammen. Aufgrund der vorzüglichen Erhaltung der Bauausstattung mit Säulen, Wandmalereien, Stuckaturen und Marmorverkleidungen sowie Mosaikfußböden wurde ein Schutzbau über den gesamten Komplex von 4.000 m² Grundfläche errichtet, der im Juni 2000 fertiggestellt werden konnte.
Sammlungen in Istanbul (Archäologisches Museum), London (British Museum) und Wien (Ephesosmuseum des Kunsthistorischen Museums) stellen bis zu Beginn des 20. Jhs. Geborgenes aus. Seit 1906 verbleiben alle Funde im Herkunftsland Türkei und sind vor allem im Ephesos Museum in Selçuk zu sehen, das die reichen Funde an Skulpturen, Architekturteilen, Inschriften und Kleinfunden der Grabungen der letzten Jahrzehnte zeigt.
Bildunterschriften
Abb. 1: Otto Benndorf (ÖAI Archiv)
Abb. 2: Ausgrabungen in der Johannesbasilika (ÖAI Archiv)
Abb. 3: Isa bey Moschee am Anfang des 20. Jhs. (ÖAI Archiv)
Abb. 4: Mausoleum von Belevi, Rekonstruktionszeichnung von E. Fossel und E. Theuer (FiE VI [1979])
Abb. 5: Staatsmarkt (Photo: G. Wiplinger)
Abb. 6: Celsusbibliothek (ÖAI Archiv)
Literatur:
Forschungen in Ephesos, Bd. I - XIII (1904-2006).
G. Wiplinger - G. Wlach, Ephesos. 100 Jahre österreichische Forschungen (1995).
P. Scherrer (Hrsg.), Ephesos. Der neue Führer (1995).
St. Karwiese, Groß ist die Artemis von Ephesos. Die Geschichte einer der größten Städte der Antike (1995).
D. Knibbe, Ephesos. Geschichte einer bedeutenden antiken Stadt und Portrait einer modernen Großgrabung (1998).
F. Krinzinger - H. Friesinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposions Wien 1995, Archäologische Forschungen 1 (= DenkschrWien 260, 1999).
B. Brandt - V. Gassner - S. Ladstätter (Hrsg.), Synergia. Festschrift F. Krinzinger I (2005).
Kontakt:
ephesos@oeai.at
Oktober 2008
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