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ÇUKURİÇİ HÖYÜK

Systematische Untersuchungen zur ephesischen Vorgeschichte fanden in der langjährigen intensiven Forschungstätigkeit in der antiken Ruinenstätte und ihrer Umgebung bislang kaum statt. Diesem Forschungsdesiderat soll nun mit dem neuen Projekt Rechnung getragen werden.
Gerade die Region von Ephesos mit Flüssen als Kommunikationswege in das Hinterland und mit ihrer durch die direkte Küstenlange vorhandenen Anbindung an die Ägäis birgt für weiträumige Fragestellungen zur prähistorischen Entwicklung in einem größeren Kontext immenses Forschungspotential. Auch für die Mikroregion des Raumes sind Fragen zu den kulturellen und siedlungstopographischen Anfängen bedeutend und bilden einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der diachronen Entwicklung einer Siedlungskammer von prähistorischen Epochen bis in historische Zeiten.

Mit den aktuellen Forschungen am Çukuriçi Höyük sollen nun erste Grundlagen zu diesen Fragestellungen gelegt werden. Der Hügel liegt südöstlich der späteren antiken Stadt Ephesos und wurde 1995 von einem Team des Efes Müzesi Selçuk in einer kurzen Grabungsaktion in Form zweier kleiner Sondagen erstmals untersucht (Evren - İçten 1997). In den Folgejahren wurde ein großer Teil des Siedlungshügels, der heute von fruchtbaren Obstplantagen umgeben ist (Abb. 1), abgegraben und einplaniert, bepflanzt und bewässert (Abb. 2). Unter anderem führten diese massiven Zerstörungsmaßnahmen dazu, den Çukuriçi Höyük ins Zentrum des ersten mehrjährigen prähistorischen Forschungsprojektes in Ephesos zu stellen.
Erste Sondierungsgrabungen wurden 2006 vom ÖAI finanziert und ermöglichten eine erste archäologische Definition des Fundortes. Es handelt sich um einen 'eigentlichen Tell' (Gogâltan 2005), der aus mindestens fünf Architekturphasen mit Nutzungshorizonten besteht, die bis in eine Höhe von maximal 5 m über dem Geländeniveau der umgebenden Plantagen erhalten sind (Abb. 3). Die Untersuchungen im Nordsektor des Tells (Abb. 4) erbrachten eine Siedlungsabfolge mit Architekturphasen aus dem frühen und späten Chalkolithikum nach anatolischer Terminologie (Schoop 2005) sowie verschiedenen Phasen der Frühbronzezeit (Abb. 5-6).

Das Keramikspektrum umfasst in den einzelnen Perioden verschiedenste Waren mit Analogien vom Seengebiet (Bademağacı, Höyücek, Hacılar, Kuruçay) über Aphrodisas-Pekmez bis in den Raum von Izmir (Ulucak, Limantepe) und von den ostägäischen Inseln wie Chios (Agio Gala, Emporio) bis nach Demircirhüyük und der Troas (Troia I-II) (Abb. 7-8). Zahlreiche Obsidiangeräte sowie Stößel und Meißel aus Stein, Knochenartefakte und Spinnwirtel weisen auf vielfältige handwerkliche Tätigkeiten in den einzelnen Siedlungsperioden hin.

Die für die Zukunft geplanten archäologischen Forschungen auf dem Çukuriçi Höyük werden bis 2010 vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projektnr. P19859-G02) finanziert und haben verschiedene Ziele im mikro- und überregionalen Kontext. Mehrwöchige Ausgrabungen, Fundbearbeitung und interdisziplinäre Analysen sollen Aufbau und Struktur der Siedlung und ihrer einzelnen Perioden sowie deren Existenzgrundlagen und Rohstoffressourcen klären. Vorrangig ist zunächst die Schaffung eines chronologischen Grundgerüstes anhand von Fundmaterial und 14C-Messreihen sowie in Folge eine Einbindung in einen weiträumigen Kontext in Anatolien und der Ägäis während des Chalkolithikums und der Frühbronzezeit. Neben geophysikalischer Prospektion werden auch geomorphologische Bohrungen erfolgen, um grundlegende Fragen zu Topographie, Sedimentation, Küstenlinienverschiebung und ursprünglicher Ausdehnung des Tells zu klären.

Erste Ergebnisse 2007

In einer siebenwöchigen Grabungskampagne und zwölf Wochen dauernden Fundbearbeitung wurden in Fortsetzung der ersten Sondierungsgrabungen von 2006 zwei Bereiche des Tells umfangreich untersucht (Abb. 4):
Im Norden wurde das Areal Richtung Westen erweitert. Trotz massiver rezenter Störungen im oberflächennahen Bereich, konnten eindeutige Spuren von Siedlungstätigkeit aus der ältesten FBZ bzw. dem späten Chalkolithikum festgestellt werden. In diesem Siedlungskontext wurde direkt an der heutigen Nordgrenze des Tells eine Körperbestattung in einem Steinplattenkistengrab geborgen (Abb. 9). Der sorgsam deponierte rechtseitige Hocker befand sich unter einem stark gestörten Nutzungshorizont, von dem noch einzelne Bereiche eine Lehmstampfbodens erhalten waren.


Der massive Kegel im Süden des Hügels stand im Zentrum der Untersuchungen in dieser Grabungssaison. Unter massiven Schuttschichten kamen gut erhaltene Siedlungsstrukturen der FBZ (Troia I-II) zum Vorschein (Abb. 10). Bislang handelt es sich um vermutlich drei gleichzeitige mehrräumige Häuser aus Steinsockelmauern mit Lehmziegelwänden, die sich teilweise als Versturz auf den Böden in den Räumen erhalten haben (Abb. 11).


Nach einer massiven gewaltsamen Zerstörung - möglicherweise durch ein Erdbeben? - wurden die Häuser offenbar verlassen und nicht wieder aufgebaut. Dadurch haben sich sowohl zahlreiche Inneneinbauten (Herdstellen, Podeste etc.) als auch viele Objekte dieser letzten Nutzungsphase erhalten. Das Spektrum des Fundinventars umfasst neben zahlreicher Keramikgefäße auch Steingeräte und -werkzeug, Klingen, Knochengeräte, Spinnwirtel, verschiedene Schmuckelemente und Wandverputz sowie Bronzenadeln und Metallschlacken (Abb. 12).

Bildunterschriften
Abb. 1: Blick von Norden über die Obstplantagen zum Çukuriçi Höyük im Hintergrund (© ÖAI)
Abb. 2: Satellitenaufnahme des Tells nach Zerstörung der kompletten Südhälfte und Bereichen im Norden (© Google Earth 2006)
Abb. 3: Digitales Geländemodell des Tells aus nordöstlicher Perspektive (© ÖAI, Ch. Kurtze 2006)
Abb. 4: Topographische Aufnahme des Tells mit Grabungsschnitten im Nordsektor (© ÖAI, Ch. Kurtze 2006)
Abb. 5: Steinfundamente und Lehmstampfboden aus dem frühen Chalkolithikum (6. Jt.) (© ÖAI)
Abb. 6: Rotpoliertes, engmundiges Gefäß mit vier senkrechten Schnurösen aus dem Bereich des frühchalkolithischen Lehmstampfbodens (© ÖAI, Foto: N. Gail)
Abb. 7-8: Schnabelkannen roter bis rotbrauner Ware der frühen Bronzezeit (3. Jt.)
Abb. 9: Steinplattenkistengrab mit Körperbestattung im Nordsektor des Tells (Foto: B. Horejs).
Abb. 10: Übersichtsaufnahme der Architekturreste im Südkegel (Foto: B. Horejs).
Abb. 11: Schematischer Grundrissplan frühbronzezeitlicher Architektur (S1, Südareal) (M. Braun/B. Horejs).
Abb. 12: Frühbronzezeitlicher Dreifußkochtopf aus der jüngsten Nutzungsphase der Siedlung (Foto: N. Gail).

Literatur (Auswahl):
A. Evren - C. İçten, Efes Çukuriçi ve Arvalya (Gül Hanım) Höyükleri. Müze Kurtarma Kazıları Semineri 8, 1997, 111-133.
A. und H. Erkanal, Vorbericht über die Grabungen 1979 im prähistorischen Klazomenai/Limantepe. Hacattepe Üniversitesi Edebiyat Fakültesi Dergisi 1983, 163-178.
H. Erkanal - S. Günel, 1993 Liman Tepe Kazısı in: XVI. Kazı Sonuçları Toplantısı I (Ankara 1995) 263-279.
H. Erkanal - S. Günel, 1994 Liman Tepe Kazısı, in: XVII. Kazı Sonuçları Toplantısı I (Ankara 1996) 305-328.
H. Erkanal - S. Günel, 1995 Liman Tepe Kazısı, in: XVIII. Kazı Sonuçları Toplantısı I (Ankara 1997) 231-260.
R. C. S. Felsch, Das Kastro Tigani. Die spätneolithische und chalkolithische Siedlung (Bonn 1988).
F. Gogâltan in: B. Horejs u. a. (Hrsg.), Interpretationsraum Bronzezeit. Bernhard Hänsel von seinen Schülern gewidmet, Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 121 (Berlin 2005) 161-179.
S. Hood, Excavations in Chios 1938-1955. Prehistoric Emporio and Ayio Gala (Oxford 1981).
S. Lloyd - J. Mellaart, Beycesultan I. The Chalcolithic and Early Bronze Age Levels. Occasional Publications of the British Institute of Archaeology at Ankara 6 (London 1962).
J. Mellaart, Excavations at Hacılar (London 1970).
U. D. Schoop, Das anatolische Chalkolithikum. Eine chronologische Untersuchung zur vorbronzezeitlichen Kultursequenz im nördlichen Zentralanatolien und den angrenzenden Gebieten, Urgeschichtliche Studien 1 (Großschönau 2005).

Kontakt:
Barbara Horejs
http://www.barbarahorejs.at/


Juni 2010