DIE AQUÄDUKTE VON EPHESOS
Forschungsgeschichte
Ephesos hatte zu seiner Blütezeit im 2. Jh. n.Chr. an die 250.000 Einwohner; ihre Privatwohnungen, sechs große Thermenanlagen, viele Nymphäen und öffentliche Latrinen mussten mit enormen Mengen an Wasser versorgt werden.
Wasser ist die Grundvoraussetzung nicht nur bei der Gründung einer Stadt, sondern auch bei ihrer Erforschung - doch ist Wasser als Gegenstand der archäologischen Wissenschaft lange Zeit unberücksichtigt geblieben. So hatte auch der erste große Forscher auf ephesischem Boden, der Engländer John Turtle Wood, in den sechziger Jahren des 19. Jhs. auf seiner Suche nach dem Weltwundertempel der Artemis die Gegend nur nach Gebäuden abgesucht, die Versorgung der alten Stadt mit Wasser war noch lange kein Thema.
Aber bereits 1898, im dritten Jahr der österreichischen Grabungstätigkeit, beritt Philipp Forchheimer während eines Aufenthalts in Ephesos die Aquädukte, die das Wasser von den Quellen in die Stadt brachten. Mit seiner 1923 vorgelegten Publikation tat er einen ersten wichtigen Schritt zur Wasserbauforschung in der Metropole der römischen Provinz Asia. Sodann geriet die Wasserversorgung der Stadt erneut in Vergessenheit, obwohl gerade in der Zwischenkriegszeit und in den fünfziger Jahren des 20. Jhs. alle großen Thermenanlagen und Nymphäen ausgegraben worden waren. Forschungen in den siebziger Jahren in Form von drei Diplomarbeiten an der Universität Izmir und von Ünal Özis (Izmir) rückten vor allem die spektakulären Bauwerke der Aquäduktbrücken in den Mittelpunkt des Interesses; ihr teilweise guter Erhaltungszustand verhinderte jedoch eine Untersuchung über den Zu- und Ablauf hinaus. Jüngere Bemühungen von Dora Crouch und Charles Ortloff (USA), die versuchen, ohne Kenntnisse von Forchheimers Forschungen ein neues, eigenes Bild der ephesischen Wasserversorgung zu gewinnen, bauen auf computergestützten Modellen zur Berechnung der Fließgeschwindigkeiten auf und gehen somit sehr ins Detail.
Forschungsstand
Seit 2001 befasst sich Gilbert Wiplinger mit einem Team von Mitarbeiter(inne)n mit den ephesischen Fernwasserleitungen. 2004 fand das 12. internationale Symposium 'Cura Aquarum in Ephesus' statt, um die Erforschung der ephesischen Aquädukte auf eine internationale Diskussionsbasis zu stellen. In den Jahren 2001, 2003 und 2005 war die Feststellung des erhaltenen Bestandes aller Fernwasserleitungen auf Grundlage der erschienenen Publikationen Ziel der Aufenthalte vor Ort. Dabei konnten eine ganze Reihe von bisher unbekannten Leitungsabschnitten, Aquäduktbrücken, Tunnels, Zuleitungen und sogar zwei bisher unbekannte Aquädukte entdeckt werden, sodass sich nun ein völlig anderes und weitaus komplexeres Bild der Aquädukte nach Ephesos ergibt:
Lysimachischer Aquädukt
Der älteste, erst 2005 entdeckte Aquädukt versorgte in der 1. Hälfte des 3. Jhs. v.Chr.
die von König Lysimachos zwischen den beiden Stadtbergen angelegte Stadt von einer vermutlich nicht weit außerhalb liegenden Quelle. Ein einziger Tonrohrstrang wurde auf Bermen verlegt und über einen vorgesehenen Durchlass in der Stadtmauer in das Stadtgebiet geleitet.
Aqua Throessitica und Pollio-Aquädukt
Wahrscheinlich im 2. Jh. v.Chr. wurde die Aqua Throessitica angelegt, die zunächst über zwei auf Bermen verlegte Tonrohrstränge die größere Stadt versorgte. Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer weitere Rohrstränge auf neuen Bermen hinzugefügt, sodass an einer einzigen Stelle bis jetzt insgesamt sieben Stränge festgestellt werden konnten.
Einer dieser Stränge wurde in augusteischer Zeit hinzugefügt, als C. Sextilius Pollio Quellen an der gegenüberliegenden Hangseite fasste und über die von ihm errichtete, über die Straße nach Magnesia führende und deshalb besonders monumental ausgeführte Aquäduktbrücke in die Aqua Throessitica einfließen ließ. Der Aquädukt hatte eine Länge von 8 km und wurde über sechs Brücken in die Stadt geführt.
Şirince-Aquädukt
Eine weitere, vielleicht hellenistische, sicher aber römische Fernwasserleitung ist der Şirince-Aquädukt, der mit einer Länge von ca. 6 km in mehreren Tonrohrsträngen aus Osten
an die Stadt heranführte. Die Quellfassung und eine Aquäduktbrücke im Beylikici-Tal sind die einzigen bisher bekannten Reste aus dieser frühen Zeit.
Im 6. Jh. n.Chr. wurde dieselbe Trasse für eine neue Leitung verwendet, die an ihrem Ende in eine steinerne Druckrohrleitung überging und welche die um die justinianische Johannesbasilika entstandene Siedlung mit Wasser versorgte. Die 656 m lange Talbrücke mit ihren 125 Pfeilern quert das heutige Stadtzentrum von Selçuk sehr eindrucksvoll.
In seldschukischer Zeit wurde zur Wasserversorgung der İsa Bey Moschee und ihrer Umgebung ebenfalls die Şirince-Leitung verwendet, doch wurden zwei Tonrohrstränge nicht auf der großen Aquäduktbrücke, sondern an deren Südseite am Boden entlang und über sog. Suterasi-Türme zur Entlüftung und Druckverminderung geführt.
Sultaniye-Aquädukt
Reste einer Quellfassung im Dorf Sultaniye, eine dreigeschossige Aquäduktbrücke im Bahçecikboğaz-Tal und Fragmente von Tonrohren zeugen von einer weiteren hellenistischen oder frührömischen Fernwasserleitung. Noch ist aber nicht geklärt, ob diese Leitung eine der beiden Küstenstädte, Neapolis oder Phygela, versorgt hat, oder ob es sich um einen Vorgängeraquädukt der Değirmendere-Leitung handelt, der zugunsten dieser jüngeren Leitung zur Gänze abgetragen wurde.
Aristion-Aquädukt
Zur Blütezeit von Ephesos am Beginn des 2. Jhs. n.Chr., als viele der großen Bäder und Nymphäen errichtet wurden, stieg der Wasserbedarf für die Stadt massiv an. Daher
errichtete Claudius Aristion eine 210 Stadien lange Fernwasserleitung, die aus dem Kaystros-Tal von Nordosten nach Ephesos geführt wurde. Es ist dies eine gewölbte Kanalleitung, die in eine künstliche Felsrinne hineingesetzt und unmittelbar hinter dem Mausoleum von Belevi sodann über bisher acht bekannte Aquäduktbrücken an die Stadt herangeführt wurde. Unter den Stufen des Stadions und des Theaters strebte der Aristion-Aquädukt seinem Endpunkt, dem Nymphaeum Traiani, zu. Der Überlauf aus dessen vorgelagertem Schöpfbecken wurde auf die gegenüberliegende Hangseite geleitet, durchfloss unterirdisch die beiden Insulae des Hanghauses 1 und 2 und endete vermutlich im Hafen, wo reichlich Wasser für Industriezwecke benötigt wurde.
Im unmittelbaren Bereich des Mausoleums von Belevi musste der Aquädukt, durch herbstürzende Teile beschädigt, in der 2. Hälfte des 3. Jhs. ausgebessert werden. Diese Reparaturen belegen, dass er zumindest in dieser Zeit noch in Verwendung stand.
Değirmendere-Aquädukt
Der jüngste eigenständige und auch längste Aquädukt wurde von Süden in einem großen Bogen auf ca. 43 km Länge an die Stadt herangeführt und vermutlich in der Mitte des 2. Jhs. n.Chr. gebaut. Da der antike Name noch nicht bekannt ist, wird diese Fernwasserleitung
nach dem modernen Namen des Quelltales als Değirmendere-Aquädukt bezeichnet. Auch hier handelt es sich um eine gewölbte Kanalleitung mit dem enormen Querschnitt von ca. 0,70 × 2,35 m, die über 20 Aquäduktbrücken und zwei Tunnel an die Rückseite des großen Stadtberges geleitet wurde, wo sie im Bereich eines Turmes der lysimachischen Mauer in die Stadt gelangte. Im Gegensatz zur Aristion-Leitung wurde der Fels nur soweit abgearbeitet, als nötig war, um ein geringes Auflager zu erhalten. Um aber das Gerinne in dem teilweise sehr steilen Gelände errichten zu können, waren mächtige Stützmauern mit Stützpfeilerkonstruktionen erforderlich. Auf einer Strecke von ca. 8 km Länge existiert eine zweite Leitung, deren Aquäduktbrücken (insgesamt 8 in diesem 'doppelten' Bereich) direkt aneinander gebaut wurden, während zwischen den Brücken meist die ältere Leitung von der jüngeren überbaut wurde. Außerdem besitzt der Aquädukt eine Zuleitung, die über eine weitere Aquäduktbrücke führt.
Bis vor ca. 20 Jahren wurde die Değirmendere-Leitung in ihrem ersten Drittel zur Versorgung der Stadt Kuşadası genutzt, sodass es in diesem Abschnitt besonders viele Ausbesserungen gibt: Beispielsweise wurde die Baskemer-Aquäduktbrücke in osmanischer Zeit derart mit kleinteiligen Bruchsteinen verkleidet, dass die stark verwitterte römische Konstruktion nur schwer zu erkennen ist. Eisenträger, die anstelle der zwei eingestürzten Mittelbogen eine Holzrinne tragen, stammen erst aus dem 20. Jh. In einem neuen Stadtteil von Kusadasi ist zudem eine osmanische Aquäduktbrücke mit 24 Bogenöffnungen zur Gänze erhalten; über diese führte die Leitung zur Wasserversorgung der Karawansaray.
Vorausschau
Mit diesen Arbeiten wurde in einem ersten Schritt ein Überblick über die ephesischen Aquädukte gewonnen, nun sollen die Forschungen ins Detail gehen, um ein noch besseres Verständnis der Aquädukte als Gesamtbauwerke zu erhalten. Für die nächsten Jahre ist geplant, den längsten und in seiner Konstruktion komplexesten Aquädukt, nämlich die Değirmendere-Leitung, im Detail und unter Berücksichtigung aller Aspekte zu erforschen.
Bildunterschriften
Abb. 1: Aquäduktbrücke des C. Sextilius Pollio (© ÖAI)
Abb. 2: Pfeiler 70-73 der Selçuk-Aquäduktbrücke mit vorgelagerter Suterasi (© ÖAI)
Abb. 3: Cingene-Aquäduktbrücke der Aristion-Leitung (© ÖAI)
Abb. 4: Gerinne der jüngeren Değirmendere-Leitung (© ÖAI)
Literatur (Auswahl):
W. Alzinger, Beispiele antiker Wasserversorgungsanlagen: Ephesos, in: Frontinus-Gesellschaft (Hrsg.), Die Wasserversorgung antiker Städte II (1987) 180-184.
Ph. Forchheimer, Wasserleitungen, in: FiE III (1923) 224-255.
Ü. Öziş - A. Atalay, Fernwasserleitungen von Ephesos, in: H. Friesinger - F. Krinzinger (Hrsg.), 100 Jahre Österreichische Forschungen in Ephesos. Akten des Symposiums Wien 1995, DenkschrWien 260, AForsch 1 (1999) 405-411.
G. Wiplinger, Stand der Erforschung der Wasserversorgung in Ephesos/Türkei, in: Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft 27 (April 2006) 15-48.
G. Wiplinger, Der lysimachische Aquädukt von Ephesos und weitere Neuentdeckungen von 2005, in: Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft 27 (April 2006).
G. Wiplinger, Wasser für Ephesos. Stand der Erforschung der Wasserversorgung, in: G. Wiplinger (Hrsg.), Cura Aquarum in Ephesus. Proceedings of the 12th International Congress on the History of Water Management and Hydraulic Engineering in the Mediterranean Region, 12. Suppl. BABesch = SoSchrÖAI 42 (2006) 23-39.
Kontakt:
Gilbert Wiplinger
Mitarbeiter:
Nicole Birkle
Gemma Jansen
Annette Nießner
Paul Kessener
Susanna Piras
Dezember 2007