OeAI - Projekte im Ausland


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DER SURVEY IN ANDRIAKE

Im Jahr 2004 führte Gerhard Forstenpointner (Veterinärmedizinischen Universität Wien) in Zusammenarbeit mit dem ÖAI im zentrallykischen Hafenort Andriake einen archäozoologischen Survey durch. Das Unternehmen galt der Untersuchung einer Murexschalenhäufung im Bereich einer antiken Platzanlage östlich des Granariums. Die Feldarbeiten konnten im selben Jahr abgeschlossen werden. Angesichts der Bedeutung der noch weitgehend unerforschten Stätte entschied sich die Direktion des ÖAI aber in der Folge dazu, um die Genehmigung für Durchführung einen archäologischen Survey in Andriake anzusuchen.
Im Jahr 2005 wurde in Andriake die erste Kampagne mit archäologischer Zielsetzung durchgeführt. Das Unternehmen hatte sich folgende Aufgaben gesetzt: Die Erstellung eines Gesamtplans der ausgedehnten Ruinen, von welchen bisher nur Planskizzen veröffentlicht worden waren; die Dokumentation wichtiger Einzelbauten und die Untersuchung von Oberflächenkeramik. Es wird angestrebt, anhand des archäologischen Oberflächenbefundes die Geschichte des Hafenortes nachzuzeichnen und dessen Ausbauphasen zu erfassen. Die Arbeiten konzentrierten sich auf den Bereich nördlich des Granariums und auf die als 'Plakoma' bekannte Platzanlage. Es wurde mit der Anfertigung einer detaillierten geodätischen Aufnahme dieser Monumente begonnen, die vermessenen Ruinen wurden beschrieben und photographisch dokumentiert. Auch wurde in zwei Bereichen, nämlich im Nordosten der Platzanlage 'Plakoma' und nördlich des Granariums, an der Erdoberfläche befindliche Keramik aufgesammelt und dokumentiert.

Von der Umbauung der Platzanlage östlich des Granariums und der Steinabdeckung der großen Zisterne in deren Zentrum wurden ein Steinplan im Maßstab 1:50 und eine Baubeschreibung angefertigt. Die Platzanlage wird im heutigen Zustand an drei Seiten (West-, Ost- und Nordseite) von Raumfolgen begrenzt, denen ursprünglich Säulenhallen vorgelagert waren; von diesen zeugen Fragmente von Ecksäulen mit herzförmigem Querschnitt. Ein monumentaler, mittig an der Nordseite befindlicher Zugang erlaubte es, den Platz zu betreten. Dem Zugang waren ursprünglich Säulen vorgelagert, die wahrscheinlich ein Vordach trugen. Im Südbereich des Platzes befindet sich eine meterhohe, die Ost- und Westhallen teilweise überlagernde Anschüttung von Murexschalen, die es nicht gestattet festzustellen, ob der Platz in der Antike an der Südseite offen oder architektonisch begrenzt war. Aufgrund bautechnischer Details und der Steinmetzmarken kann es als sehr wahrscheinlich gelten, dass die Platzanlage annähernd gleichzeitig mit dem Granarium errichtet worden war und beide Bauten demselben Bauprogramm angehören. Das Vorhandensein mehrerer, an einer Seite als Konsolen gearbeiteter Binderplattenblöcke im Versturz der Hallenbauten bietet einen Hinweis darauf, dass die den Platz begrenzenden Raumabfolgen zweigeschossig gewesen sein dürften. An einzelnen Räumen der Nordhalle konnten Indizien für eine Wiederherstellung der Mauern in einigermaßen qualitätsvoller Bauweise festgestellt werden, welche wahrscheinlich in spätantiker Zeit erfolgte. Da Werkstücke der Platzanlage in Kirche B verbaut sind, dürften die Hallenbauten im 6. Jh. aufgegeben gewesen sein.
Im Bereich nördlich der Platzanlage und des Granariums befindet sich entlang des antiken Hafenbeckens dichte Hangverbauung. Es handelt sich um die Reste kaiserzeitlicher Bauten, die in nachantiker Zeit von einer kleinteiligen Verbauung aus Mörtelbruchsteinbauten überbaut worden war. Unter den antiken Bauten ist eine aus mehreren nebeneinander gelegenen und jeweils über einen eigenen Zugang betretbaren Räumen bestehende Anlage hervorzuheben. Sie war an ihrer hafenseitigen Fassade geschmückt und gehört wohl in die hadrianische Ausbauphase der Hafenanlage. In diesem Bereich befindliche Blöcke mit Kopf- und Fußprofilen - zumeist in Wiederverwendung - bezeugen das einstige Vorhandensein aufwendiger Monumente. Die nachantike Verbauung ist sehr dicht und besteht größtenteils aus auf kleinteiligen Grundrissen errichteten und von Tonnengewölben überspannten Raumabfolgen.

Während der Kampagne 2006 lag der Schwerpunkt der Arbeiten auf der Vermessung der an der Oberfläche anstehenden Ruinen. Im Unterschied zur ersten Kampagne, in welcher der zentrale Bereich um die Agora und die Horrea Hadriani untersucht worden waren, wurden teils weit auseinander gelegene Bereiche der Niederlassung aufgenommen, um die Grundlagen für die Erstellung eines Gesamtplans zu schaffen; auch wurde das geodätische Fixpunktnetz erweitert. Im Zuge dieser Kampagne wurden etwa 40 % der verbauten Fläche aufgenommen, sodass insgesamt etwa 55 % der Niederlassung vermessen sind. An mehreren Stellen wurde Oberflächenkeramik gesammelt, gezählt und fallweise auch zeichnerisch und photographisch dokumentiert.
Im Zuge der Arbeiten konnten wichtige Fragen zur Geschichte und Entwicklung des Hafenortes geklärt werden. Auf einer Erhebung im Südwesten des Hafenbeckens liegt eine schon länger bekannte hellenistische Befestigungslinie. Es zeigte sich, dass diese auch den Nordhang umschloss, an welchem schlecht erhaltene Verbauungsreste, wohl die Ruinen einer Siedlung, aufgenommen werden konnten. Die in diesem Bereich aufgefundene Keramik datiert von hoch- bis in späthellenistische Zeit. Im Bereich nördlich des Hafens wurde in einem Raubloch ebenfalls Keramik dieser Periode gefunden. Demnach erstreckte sich die hellenistische Siedlung an beiden Seiten des Hafeneingangs, wobei in der Nordstadt die frühen Ruinen allerdings unter dem Sand von Wanderdünen begraben liegen. Da Andriake nicht im Portulan des Pseudo-Skylax erwähnt wird, scheint der Hafenort in klassischer Zeit noch nicht bestanden zu haben. Dies entspricht der geringen Bedeutung, welche auch andernorts im Lykien der klassischen Zeit dem Ausbau von Häfen beigemessen wurde. Die erste Erwähnung des Ortes erfolgt in Zusammenhang mit der Eroberung der ptolemäischen Niederlassung durch Antiochos III im Jahr 197 v.Chr. Ausweislich der historischen Überlieferung und der archäologischen Befundlage dürfte die Gründung des Hafenortes im 3. Jh. v.Chr. stattgefunden haben.
Ein massiver Ausbau der Hafeninfrastruktur erfolgte in der römischen Kaiserzeit. Insbesondere sind hier die hadrianischen Horrea und eine Platzanlage hervorzuheben, aber auch weitere Bauten am südlichen Rand des Hafenbeckens gehören in diese Periode. Wahrscheinlich gehört auch der Aquädukt, dessen Kaskade etwa 500 m östlich des Hafenortes erhalten ist, diesem Bauprogramm an.
Die größte Ausdehnung erreichte der Hafenort in spätantik-frühbyzantinischer Zeit, ein Großteil der anstehenden Ruinen, einschließlich fünf großer Kirchen, gehört in diese Periode.
Die in verschiedenen Bereichen der Niederlassung aufgenommene Keramik enthielt keine Funde, die über das 8. Jh. n.Chr. hinausführen. Dieser Befund deckt sich mit dem Umstand, dass sich auch in der Bausubstanz keine hochmittelalterliche Phase festmachen lässt. Insbesondere fehlen in Andriake die in lykischen Kirchen häufigen sekundären Kapelleneinbauten. Der Frage nach dem Zeitpunkt der Aufgabe der Niederlassung wird in den nächsten Kampagnen noch eingehender nachzugehen sein.

Bildunterschriften
Abb. 1: Lykienkarte
Abb. 2: Das verlandete Hafenbecken
Abb. 3: Zisterne
Abb. 4: Die Ruinen am Hafenbecken
Abb. 5: Hellenistische Befestigung

Literatur:
J. Borchhardt - W. Wurster in: J. Borchhardt u. a., Myra. Eine lykische Metropole in antiker und byzantinischer Zeit, IstForsch 30 (1975) 52-54. 64-74.
H. Hellenkemper - F. Hild, Lykien und Pamphylien, Tabula Imperii Byzantini 8, DenkschrWien 320 (2004) 435-439.
Th. Marksteiner, Anadolu Akdenizi Arkeoloji Haberleri, 2006/4, 71-74.

Kontakt:
Thomas Marksteiner
Mitarbeiter/innen:
Andreas Konecny (Vermessung)
Christian Kurtze (Vermessung)
Banu Marksteiner (Keramik)
Helmut Schwaiger (Aufnahme im Feld)
Ulrike Schuh (Aufnahme im Feld)
S. Baybo (Aufnahme im Feld)

Juni 2007