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AIGEIRA - GRIECHENLAND
Das antike Aigeira (Provinz Achaia) liegt an der Nordküste der Peloponnes - etwa gegenüber von Delphi - am Ausgang eines Tales, welches direkt in den korinthischen Golf mündet, und stellt mit Pellene die östlichste Stadt der antiken Landschaft Achaia dar.
Wenn auch auf dem 416 m über dem Meeresspiegel liegenden Akropolishügel geborgenes Fundmaterial anthropogene Aktivitäten bereits ab dem fortgeschrittenen Spätneolithikum belegt, so stellen erst die an dieser Stelle ausgegrabenen Reste einer spätmykenischen Rückzugssiedlung aus dem frühen 12. Jh. v.Chr. den Beginn einer kontinuierlichen Siedlungstätigkeit dar. Die Baureste eines Herrensitzes und das reichhaltige Fundmaterial dokumentieren eine Siedlungsstruktur, die sich im Spannungsfeld fremder Zuwanderer und einer Einbindung in die spätmykenische Koiné entwickelt.
In der Folge wird auf der Akropolis vielleicht schon ab dem 10. Jh. v.Chr. ein frühes griechisches Heiligtum eingerichtet, welches kontinuierlich ausgebaut wurde und bis in das 4. Jh. v.Chr. in Funktion war. Ein breites Spektrum an Votivgaben sowie architektonische Zeugnisse wie Fundamentmauern und bemalte Dachziegel belegen die Entwicklung dieses sakralen Zentrums als Nukleus der Stadt Aigeira, welche zumindest in den Anfängen mit dem bei Homer überlieferten Hyperesia in Verbindung zu bringen ist.
Zur Einschätzung von Aigeira in seiner Blüte, d.h. in der größten Ausdehnung des mit einer Ringmauer eingefassten Areales von etwa einem halben Quadtratkilometer, sind die Grabungsergebnisse auf der Theaterterrasse im Norden unterhalb des Akropolishügels heranzuziehen.
Im Zuge einer regelrechten hellenistischen Neugründung etwa um 280 v.Chr. wird mit der Errichtung eines Theaters und unmittelbar benachbarter kleiner Tempel ein monumentales, öffentliches sakrales Zentrum geschaffen, welches kontinuierlich bis in die frühe Kaiserzeit durch weitere Tempel und einem der Tyche geweihten Kultbau ausgebaut wird. Für ein weiter im Norden festgestelltes Heiligtum, von dem sich die Fundamente zweier weiterer Tempel erhalten haben, ist eine dem Theaterensemble vorausgehende Nutzung nicht auszuschließen.
Neben den erhaltenen architektonischen Zeugnissen verweisen die gefundenen Skulpturen aus dem 2. Jh. v.Chr., u.a. ein überlebensgroßer Zeuskopf des Bildhauers Eukleides und eine als Tyche anzusprechende weibliche Gewandfigur, und die Mosaikböden in den kleinen Tempeln auf die hohe Qualität der Ausstattung dieses Platzes und seiner Gebäude.
So verwundert es nicht, dass dieses Ensemble noch im 2. Jh. n.Chr. das Interesse des Reiseschriftstellers Pausanias auf sich zieht, dessen kurze Beschreibung durchaus mit den ausgegrabenen Befunden korrespondiert.
Zwei weitere öffentliche Platzanlagen, die derzeit noch unzureichend eingeordnet werden können, weisen zumindest allgemein auf ein komplexes urbanistisches Gefüge der Stadt. Diesem entspricht eine aufwendige Versorgungsinfrastruktur, welche vor allem wasserwirtschaftliche Einrichtungen betrifft. Ein über mehrere Kilometer zu verfolgendes System von Wasserleitungen, welches vom Süden kommend über weite Strecken durch Felsstollen geführt wird, garantiert die Wasserversorgung der Stadt. Dieses System wird von vorhellenistischer bis in die nachantike Zeit kontinuierlich ausgebaut und genutzt.
Komplementär zu den öffentlichen und sakralen Zentren wurden jüngst auf einer Terrasse unmittelbar im Nordwesten der Akropolis Reste einer Wohnbebauung angeschnitten. Vor allem ein mit Kieselmosaiken ausgestatteter Andron, dem 11 Klinen zuzuweisen sind, belegt den repräsentativen Anspruch dieses Baus, welcher in seiner Gründung vorläufig in das 4. Jh. v.Chr. zu datieren ist und dem Ausbau des Theaterensembles sicher vorausgeht. Trotz punktueller Hinweise ist die Situation Aigeiras für die römischen Kaiserzeit und die Spätantike derzeit nur unzureichend bekannt.
Forschungen in Aigeira
Die Entdeckung und die ersten feldarchäologischen Untersuchungen gehen auf Otto Walter zurück, der mit Grabungen auf der Theaterterrasse in den Jahren 1916 und 1925 die archäologische Erforschung Aigeiras zukunftsweisend einleitete. Wenn auch die instabile politische Situation in Griechenland nur zwei kurze Kampagnen erlaubte, so wurde damit die Forschungspräsenz des ÖAI in Aigeira begründet.
Die seit 1972 nahezu kontinuierlich bis heute durchgeführten und von der Zentrale des ÖAI in Wien getragenen Grabungskampagnen erbrachten grundlegende Aufschlüsse zur geschichtlichen Entwicklung und Wertung der materiellen Kultur dieser griechischen Siedlung von der späten Bronzezeit bis in die jüngste Vergangenheit.
Den größten Anteil feldforscherischer Aktivitäten leistete W. Alzinger (1972-1988) mit den systematischen Flächengrabungen auf der Akropolis und auf der Theaterterrasse sowie einer kurzzeitigen Ausweichgrabung im Flurbereich Palati im Norden der Stadt. Neben zahlreichen geförderten Einzelstudien zu Materialien wie Skulptur, Keramik und Münzen u.a.m. und der Vorlage des Theaters von S. Gogos resultiert aus diesen Untersuchungen eine erste umfassende Darstellung der historischen Entwicklung Aigeiras. Im Stadium intensiver Bearbeitung durch E. Alram-Stern, (ÖAW, Mykenische Kommission) und S. Deger-Jalkotzy (ÖAW, Mykenische Kommission) befindet sich das auf der Akropolis gefundene prähistorische und bronzezeitliche Fundmaterial. Die Untersuchungen zu den Keramikfunden griechisch historischer Zeit aus der Akropolisgrabung werden von G. Schwarz (IKA Graz) durchgeführt, vorbereitende Arbeiten zur endgültigen Vorlage der Baubefunde und des Fundmateriales des sog. Tycheion von Th. Hagn (IKA Wien).
In den Jahren 1990-1997 verfolgte A. Bammer einen urbanistischen ganzheitlichen Forschungsansatz und untersuchte über intensive und Vermessungssurveys sowie über Reinigungen zahlreiche Bereiche des Stadtgebietes. Diese Studien umfassen die Wiederaufnahme wasserwirtschaftlicher Fragen, die Ortung mehrerer großflächiger öffentlicher Anlagen, die Aufnahme byzantinischer Baureste und die Untersuchungen zu den neuzeitlichen Ruinen der sog. Rosinenpflückerhäuser. Eine Flächengrabung im Flurbereich Zaoussis führte zur teilweisen Freilegung der Fundamente von zwei Tempeln im Norden der Theaterterrasse.
Die jüngsten Forschungen von G. Ladstätter (ab 1998) verfolgen weiterhin Untersuchungen zur Wasserversorgung von Aigeira, u.a. in Verbindung mit hydrogeologischen Studien, und konzentrieren sich auf die Ausgrabung von Wohnbebauung im Flurbereich Solon im Nordwesten der Akropolis.
Eine Auswahl des Fundmaterials aus den Grabungen ist im Archäologischen Museum von Aigion ausgestellt, der Zeuskopf im Nationalmuseum von Athen. Einen architektonischen Eindruck des hellenistischen Bauensembles vermittelt die eindrucksvolle Ruine des Theaters mit den anschließenden Tempeln, von denen zwei durch einen modernen Schutzbau gesichert sind.
Bildunterschriften
Abb. 1: Aigeira, Zeuskopf (ÖAI Archiv)
Abb. 2: Aigeira, Ausgrabungen von O. Walter (ÖAI Archiv)
Abb. 3: Aigeira, Luftbild. Bebauung der Theaterterrasse (Photo: A. Loxias)
Abb. 4: Aigeira, Flur Solon. Repräsentatives Privathaus (Photo: G. Ladstätter)
Literatur:
Regelmäßige Berichte zu den Grabungen finden sich in den ÖJh.
W. Alzinger und Mitarbeiter, Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia: Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972-1983, Teil I, Klio 67, 1985, Heft 2, 389-451.
W. Alzinger und Mitarbeiter, Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia: Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972-1983, Teil II, Klio 68, 1986, Heft 1, 5 - 62.
W. Alzinger und Mitarbeiter, Aigeira-Hyperesia und die Siedlung Phelloë in Achaia: Österreichische Ausgrabungen auf der Peloponnes 1972-1983, Teil III, Klio 68, 1986, Heft 2, 309-347.
S. Deger-Jalkotzy, Fremde Zuwanderer im spätmykenischen Griechenland. Zu einer Gruppe handgemachter Keramik aus den MYK. III C Siedlungsschichten von Aigeira, SBWien 326 (1977).
S. Gogos, Das Theater von Aigeira. Ein Beitrag zum antiken Theaterbau, SoSchrÖAI 21 (1992).
A. Bammer, Aigeira, in: 100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut 1898-1998, SoSchrÖAI 31 (1998) 179-181.
Th. Hagn, Das Tycheion von Aigeira, in: J.-Y. Marc - J.-Ch. Moretti (Hrsg.), Constructions publiques et programmes édilitaires en Grèce entre le IIe siècle av. J.-C. et le Ier siècle ap. J.-C., 39. Suppl. BCH (2001) 297-311.
E. Alram-Stern, Prähistorische Keramik aus den österreichischen Ausgrabungen auf der Akropolis von Aigeira, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier "100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen", Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 63-71 Taf. 6.
M. Hainzmann, Hyperesia/Aigeira - eine historische Spurensuche, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier "100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen", Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 73-78.
S. Gogos, Das Theater von Aigeira. Ein Beitrag zur Chronologie des Zeus-Heiligtums, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier "100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen", Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 79-87 Taf. 7. 8, 1-2.
G. Schwarz, Korinthische und attische Keramik aus Aigeira, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier "100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen", Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 89-93 Taf. 8, 3-8; 9, 1-4.
A. Bammer, Neue Heiligtümer in Aigeira, in: V. Mitsopoulos-Leon (Hrsg.), Forschungen in der Peloponnes. Akten des Symposions anläßlich der Feier "100 Jahre Österreichisches Archäologisches Institut Athen", Athen 5.3.-7.3.1998, SoSchrÖAI 38 (2001) 95-105 Taf. 9, 5-6; 10. 11.
E. Alram-Stern - S. Deger-Jalkotzy (Hrsg.), Aigeira I. Die mykenische Akropolis. Faszikel 3. Vormykenische Keramik. Kleinfunde. Archäozoologische und archäobotanische Hinterlassenschaften. Naturwissenschaftliche Datierung, Veröffentlichungen der Mykenischen Kommission der ÖAW 24 = SoSchrÖAI 43 (Wien 2006).
Kontakt:
Georg Ladstätter
Juni 2007
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